"Black Celebration" im Kinderzimmer

Mein erstes Mal – Depeche Mode

Welche Rache hätte mir auch sonst einfallen sollen – es war sicherlich nicht die ausgefallenste, aber die effizienteste. Das Zimmer meines Bruders grenzte direkt an meines, getrennt durch eine dünne, kaum schallabweisende Wand. Während er die Grenzen seiner neuen Technics-Stereoanlage regelmäßig auslotete, hatte ich, nebenan und wesentlich jünger, große Mühe, bei den wummernden Bässen meine mühsam gestapelten Legosteine zusammenzuhalten.

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Depeche Mode / Foto: Anton Corbijn, Quelle: EMI

Depeche Mode / Foto: Anton Corbijn, Quelle: EMI

Also ließ ich mir von meiner Mutter eine Tischplatte installieren, welche direkt an besagte Wand grenzte. Auf dieser fand nun fortan ein Keyboard der Marke Yamaha PSR 500 seinen Platz, womit ich nun meinerseits die Mittags- und Nachtruhe meines Bruders stören konnte. Konsequent imitierte ich damit die rhythmischen Schläge, die von nebenan zu mir hinüberdrangen, die blechernen Bässe und die hallenen, charakteristischen Synthieinsätze. Der Song hieß „A Question Of Time“ und ich war damit schon jetzt, im zarten Alter von 7 Jahren, zu einem Fan von Depeche Mode „terrorisiert“ worden.

„Black Celebration“ war gewissermaßen der 80er Jahre-Soundtrack zur gefeierten Todessehnsucht, und so zeigten sich die Anhänger der Briten auch zu jener Zeit – anno 1985 – optisch: schwarze Kleidung, schwarz gefärbte Haare, Nietenarmbänder. Ein Frevel für die besorgten Eltern der Teenager, eine obskure Modeerscheinung für die Musikkritiker. Einerseits sahen Dave Gahan, Martin Gore, Andrew Fletcher und Alan Wilder in den Videoclips wie vier pubertierende Nachwuchsdarsteller einer schlechten Mystery-Serie aus, auf der anderen Seite kokettierten sie eifrig mit überbordender Männlichkeitssymbolik: Lederklamotten, Autos, Motorräder. Und blieben dabei merkwürdig unpersönlich, befremdlich, wie eben auch der Sound.

Düstere Synthies, biedere Texte

Waren New Order oder Duran Duran bis dato der Inbegriff des anonymen Synthetik-Rocks, sorgten DM für dessen Perfektionierung. „Stripped“ könnte als eine der verstörendsten Balladen der 80er Dekade gelten, während „A Question Of Lust“ vor allem in der Live-Darbietung noch heute ganze Stadien in ehrfürchtige Gänsehautstimmung versetzt. Dass der Titeltrack „Black Celebration“ alberne Gothic-Imagepflege betreibt und „A Question Of Time“ ziemlich billig klingt, war dabei egal. Überhaupt wurde das Album später von DM-Fans allzu sehr verklärt, bot es doch zum Großteil nur düstere Synthesizer-Arithmetik mit simplen Hooklines, ohne besondere Abwechslung. Dazu Texte, die häufig bieder und unambitioniert daherkamen.

Aber zugleich schufen sie eben auch wirkungsvolle, intensive Soundteppiche, auf denen zuweilen das anschmiegsame Timbre Martin Gores („World Full of nothing“) wie Butter zerrann und Dave Gahans Stimm-Dynamik manchen Liedern erst große Identität verlieh („Dressed in black“). Kritikerschelte hin, Elternsprechstunden her – Depeche Mode war mit diesem Album in mein Leben getreten. Ich wurde Fan auf Lebenszeit.

Und so hämmerte ich damals jahrelang weiter zu „A Question Of Lust“ und anderen Songs auf meinem Keyboard, nichtsahnend, dass später Alben wie „Violator“, „Songs of faith and devotion“ oder „Exciter“ meinen weiteren Lebensweg ebenfalls begleiten würden. Als „Ultra“ (1997) herauskam, hatte sich mein Bruder jedoch schon längst anderen Musikgenres hingegeben. Und ist in seine eigene Wohnung gezogen…

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