Keine Experimente im Prog-Olymp

Dream Theater – „Dream Theater“

Wenn man als etablierte und wegweisende Band ein neues Album veröffentlicht, steht man schon bei der Ankündigung unter immensen Druck. Wenn man noch dazu, das neue Werk schlichtweg nach sich selbst benennt und es als Quintessenz des eigenen Schaffens vorstellt, dann kann man die Erwartungen kaum höher schrauben. Genau das taten die US-Prog Götter Dream Theater mit ihrer aktuell veröffentlichten Platte. Wonnige Vertrautheit, grenzenlose Begeisterung und pure Zufriedenheit machen sich breit, aber auch ein klein wenig Skepsis schwingt bei „Dream Theater“ mit.

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Dream Theater Album "Dream Theater" Cover Artwork

Dream Theater besinnen sich in ihrem selbstbetitelten, zwölften Studioalbum auf sich selbst und ihre Wurzeln.
(Quelle: Roadrunner Records)

Dream Theater sind seit jeher wie die immer wiederkehrende und gern gehörte Begegnung mit einer guten, alten Bekannten. Man kennt sich, ist sich vertraut, weiß worauf man sich einlässt und was man von ihr zu erwarten hat, aber doch stecken in jedem neuen Aufeinandertreffen eine kleine Überraschung, ein nicht zu unterschätzender Nervenkitzel – das gewisse Etwas, an das man so gar nicht gedacht hätte, das alles Dagewesen in den Schatten stellt und eine neue Facette offenbart.

Mit ihrem aktuell veröffentlichten Epos „Dream Theater“ (VÖ: 20.09.2013) schlagen die Prog Metaller aus New York genau in diese Kerbe und geben genügend Material zum Tüfteln. Schon vor Release stehen Musikgenies und Genreexperten immer wieder kilometerweit Schlange, um die Songs zu Tode zu analysieren, vertrackte Parts zu entschlüsseln, unterschwellige Botschaften zu entlarven und das Phänomen Dream Theater ein für alle Mal zu deuten.

Doch was abermals bleibt, ist ein weiteres, progressives Meisterwerk:

Nach klassisch-orchestraler Bombast-Ouverture (‚False Awakening‘) eröffnet sich mit ‚The Enemy Inside‘ die volle Klanggewalt und dynamische Dramatik des Dream Theater-Kosmos. Episch, virtuos, melodisch, verspielt. Musikalisch passiert, wie zu erwarten, eine Menge. Düstere Harmonien treffen auf vertrackte Strukturen. Songs plätschern zäh dahin, um völlig unerwartet ihre voll Pracht zu entfalten (‚Enigma Machine‘).

Den benötigten, ruhenden Pol gewähren dann ‚The Looking Glass‘ und ‚The Bigger Picture‘, die das Ohr umschmeicheln, um gleich im Anschluss akustische Gipfel zu stürmen. Auf heftige Gitarrenriffs und Überschall-Solis folgen verträumte Streicher- und Pianoparts, vom Metalbrecher zum Schmusekurs – schnelle Akkord-, Tempo- und Härtegradwechsel verfehlen nicht ihre Wirkung. Ein Stück das hier kaum mehr in seiner Entwicklung überraschen könnte, ist der 22-minütige Monstertrack ‚Illumination Theory‘, in dem das Traumtheater all jene Register zieht.

So kredenzen Dream Theater also ihren selbst ausgerufenen, neuen Meilenstein.

Ihr Gespür für eingängige Melodielinien und punktgenaue Spielweise mit Anspruch verlieren die New Yorker auch auf diesem Silberling nicht. Dennoch macht sich am Ende ein klein wenig Wehmut breit. Die Progressive Altmeister liefern eine mehr als gelungene Scheibe, doch stilistisch wagt man keine großen Experimente. Dream Theater bleiben den Vorgängern und vor allem sich selbst treu und wecken mit ihrem „Dream Theater“ Erinnerungen an Alben wie „Six Degrees Of Inner Turbulence“ (2002) oder „Scenes From A Memory“ (1999).

 

„Dream Theater“-Tracklist:

1. False Awakening Suite
2. The Enemy Inside
3. The Looking Glass
4. Enigma Machine
5. The Bigger Picture
6. Behind The Veil
7. Surrender To Reason
8. Along For The Ride
9. Illumination Theory

 

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Über Agnes Berndanner

Agnes Berndanner | Freie Musikjournalistin. Geboren in Weißenburg i. Bay., derzeit beheimatet in Mannheim. Studium der Theater-, Musiktheater- und Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth. Zu jeder Situation den passenden Soundtrack, doch zu Hause fühlt sie sich in den musikalischen Extremen.