Ein Atemzug und alles verändert sich

Anna Calvi – „One Breath“

Schwierig und emotionsgeladen präsentiert sie sich, die Frau mit dem großen, roten Mund. Anna Calvi gibt sich zerbrechlich, mutig, optimistisch und verzweifelt. Am 04. Oktober erscheint das zweite Album der Musikerin und zeichnet deutlich ein neues Kapitel ihrer Karriere an. „One Breath“ beschreibt einen alles verändernden Atemzug. Nachdenklich und sehr intim zieht sie mich als Hörer mit einer Vehemenz in einen emotionalen Ausbruch und hinterlässt zugleich große Hoffnungen.

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Quelle: domino recording

Quelle: domino recording

Das Album wurde in wenigen, dafür umso intensiveren Wochen von John Congleton aufgenommen, der schon für Bill Callahan, Modest Mouse und Amanda Palmer an den Reglern stand. Sie schrieb es in London, nahm es im französischen Blackbox Studio auf, in Texas wurde es abgemischt. Diese Weltumrundung spiegelt sich in verschiedenen Einflüssen wieder. „One Breath“ ist experimentell, neu und enthält eine enorme musikalische Bandbreite. Problemlos lässt sich Anna Calvi mit den großen Damen der Musik, wie PJ Harvey, Patti Smith oder Maria Callas vergleichen.

Zwiespältig ist der Einstieg, „Suddenly“, in das Album. Mit fröhlichen Klängen in Dur verführt sie zu einer Fröhlichkeit. Textlich jedoch geht es ihr um schwierige Erinnerungen, die immer bei einem sind. Mit dieser verletzlichen Geschichte steigt Anna Calvi direkt ein, in ihr Porträt der Gefühle. Mit „Eliza“ erzählt sie ihre existenzielle Geschichte einer Frau, auf der Suche nach der eigenen, starken Persönlichkeit und Erklärungen für Vergangenes. Ein Thema, welches sich im Prinzip durch das ganze Album zieht.

Die Vergangenheit aufbrechen. Das ist auch der Gedanke von „Piece By Piece“. Strukturell löst sich die Musik in diesem Stück auf. Erinnerung verblasst. Die Töne fallen Stück für Stück auseinander. Zerbrechlich und zart gibt sich Anna Calvi in diesem Lied. Lyrik und Musik unterstreichen dieses Gefühl exemplarisch. Es folgt ein betrübliches „Cry“ und ein emotionsgeladenes Lied an „Tristan“. Melancholisch lässt man sich hinreißen, ihr durch hoffnungsvolle Höhen und düstere Tiefen zu folgen.

Der Titelsong „One Breathe“ ist ein regelrecht erleichtertes Aufatmen. An dieser Stelle im Album war das für mich als Hörer auch nötig. Vorsichtig tastet sich die Stimme durch sanfte Klänge, um letztendlich zu dem zufriedenstellendsten Höhepunkt innerhalb der Platte zu kommen, bevor sich der sicherlich kräftigste und atemloseste Song „Love of my life“ eröffnet. Hier provoziert sie mit unerträglich scheinender Stille im Wechsel zu wilden, fast aggressiven Entladungen. Gefühle, die so stark sind, dass sie weh tun. Mit diesem Song zeichnet sie den wahrscheinlich größten Ausbruch aus der Vergangenheit.

Himmlische Chorgesänge und ein völlig entspannter Gesang entlassen mich in eine befriedigte Stimmung. Ruhe und ein gewisses Glücksgefühl beschließen das Album mit „The Bridge“, denn „das Ende führt dich zurück zum Anfang,“ sagt Anna Calvi dazu. Sie hat von diesem Atemzug erzählt, welcher alles in ein Vorher und ein Nachher teilt. Ein Atemzug, welcher alles verändert. „One Breath“ ist definitiv persönlicher und nachdenklicher als ihr Debüt.

Live
:
28.09.2013 Hamburg, Reeperbahnfestival
29.09.2013 Berlin, Heimathafen (ausverkauft)

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Über Melanie Labsch

Freiberufliche Grafikerin, Redakteurin und Autorin, lebt in Potsdam, Musik: Indiepop, Punk, Electro, Jazz, Blues, Klassik, Post-Rock, ....