Fischer-Z: "Red Skies Over Paradise"

Soundtrack des Kalten Krieges

Vor zehn Jahren gehörte ich noch zu den so genannten „Twenty-Somethings“. Ich war ein durchschnittlicher Student, der nach getanen Vorlesungs- und Seminarbesuchen in Germanistik und Thaterwissenschaft gerne mal wegging. Allerdings waren Diskotheken meine Sache nicht. Mich zog es in meine Stammkneipe, wo ich mit dem Barmann Alexander stundenlang und leidenschaftlich über Musik diskutierte. Ich präsentierte ihm immer meine neuen Errungenschaften (wir einigten uns damals schnell darauf, dass Madrugadas Zweitwerk „The Nightly Disease“ ein Meilenstein ist), während er mir Alben aus seiner Zeit näher brachte. Darunter befand sich auch „Red Skies Over Paradise“ von Fischer-Z.

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Fischer-Z: "Red Skies Over Paradise" (Quelle: Parlophone)

Fischer-Z: „Red Skies Over Paradise“
(Quelle: Parlophone)

Alexander hatte die besondere Gabe, seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse so zu schildern, dass einem sofort der Zeitgeist lebendig vor Augen trat. „Du willst ja wissen, wie das damals so war“, meinte er eines Tages und schob eine CD in den Player. „Das Album erklärt dir alles“. Er gab mir die Hülle. Auf dem Cover waren Hochhäuser und Passanten auf der Straße zu sehen. Das alles unter einem blutroten Himmel. Ein Mann im Vordergrund hat seinen Blick nach rechts gerichtet, aus der dieses bedrohliche Rot kommt. Der Doppeldecker am unteren Bildrand verrät dem Betrachter, dass es sich um London handelt – kurz vor der Apokalypse.

Die anderen Tresenbesetzer waren in ihre Gespräche mit- und untereinander vertieft. Als dann die ersten Takte von „Berlin“ ertönten, konnte ich erkennen, wie einige anfingen, zum moderaten Ska-Punk-Rhythmus mit einem dreckig quäkenden Sänger ihre Oberkörper zu bewegen. Einer der Besucher schaute auf die Lautsprecherboxen, deutete mit dem Daumen daraufhin und erzählte seinem Nachbarn etwas, das ich nicht verstehen konnte.

„Das war 1981 die angesagteste Scheibe“, erklärte Alexander, der die Angewohnheit hatte, immer ein Minzbonbon zu lutschen, während er seine selbst gedrehten Zigaretten rauchte. Nach „Berlin“ kam „Marliese“. Der Song war sogar mir bekannt. Auf einer der unzähligen 80er-Sampler, die ich mein Eigen nenne, war dieses Stück auch drauf. Fälschlicherweise tat ich ihn als schlechte Police-Kopie ab.

Das Album war aber viel mehr. Das wurde mir im Ansatz schon bewusst, als ich „Red Skies Over Paradise“ im Stimmengewirr des Lokals herauszuhören versuchte. Ich borgte mir die Scheibe aus, um sie mir nochmals zu Hause und in Ruhe anzuhören. Und da verstand ich dann, was Alexander gemeint hat.

Fischer-Z war in erster Linie John Watts. Und John Watts war hier am Höhepunkt seines Schaffens. Danach gab es (bis 1987) kein Fischer-Z und Watts Solo-Bemühungen kamen nie wieder an die Qualität dieses Albums heran. „Red Skies Over Paradise“ ist das Standardwerk des New Wave. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit gelangen Watts, Schlagzeuger Steve Liddle und Bassisten David Graham die Verbindung von eingänigen Songs mit den damaligen brennenden Fragen der Zeit.

„No Future“ wurde fatalistisch. Während Punker diese Parole mit Rotz und Wut im Bauch der saturierten Gesellschaft entgegen schrien und sich dagegen stemmten, war es bei „Red Skies Over Paradise“ bereits beschlossene Sache und Konsens. Die damaligen Entwicklungen des Kalten Krieges zwischen Amerika und der Sowjetunion sowie die anhaltende Umweltzerstörung ließen auch kaum Raum für positive Stimmung.

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!