Geige statt Programmheft

Ruhrtriennale: Strawinski – Konzert als Mitmach-Spektakel

Le Sacre du Printemps, die Abschlussproduktion der Ruhrtriennale 2013, stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Ursprünglich sollte Romeo Castellucci, bekanntermaßen Theatermagier gleich wie Besessener, diese Produktion realisieren. Dazu kam es nicht. Und so sprang einer der geplanten Partner, Teodor Currentzis mit seinem Orchester MusicAeterna aus Perm kurzfristig  ein, und das ganze wurde konzertant – oder halb konzertant, aber dazu kommen wir noch –  in der Jahrhunderthalle Bochum aufgeführt. Einspringer haben meist einen Bonus, so auch hier. Das Publikum war geneigt, den Dirigenten und sein 100 Mann/Frau starkes Orchester zu feiern.

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Dennoch blieb der rein musikalische Eindruck gespalten. Dirigent, Orchestergründer und Leiter Teodor Currentzis, laut Biographie auf vielen klassischen Hochzeiten als Tänzer gut beschäftigt, hatte am Anfang Schwierigkeiten mit der Akustik der Halle. Dann gestaltete er den ersten Teil des Abend im Dirigat mit maximalem Körpereinsatz, die interpretatorische Raffinesse blieb aber dahinter zurück. Teilweise wurden Motive drastisch herausgestellt, über lange Strecken floss dann der Orchesterklang eher langsam und getragen. Von der Dynamik und Sprengkraft des Sacre, der bei seiner Uraufführung vor 100 Jahren einen der größten Theaterskandale der westlichen Welt auslöste, war vergleichsweise wenig zu spüren.

Le Sacre du Printemps und Riot of Spring (Uraufführung) Igor Strawinsky, Dmitri Kourliandski, MusicAeterna, Teodor Currentzis Jahrhunderthalle Bochum, 2013 (© Ruhrtriennale, Foto: Michael Kneffel, 2013)

Le Sacre du Printemps und Riot of Spring (Uraufführung) Igor Strawinsky, Dmitri Kourliandski, MusicAeterna, Teodor Currentzis Jahrhunderthalle Bochum, 2013
(© Ruhrtriennale, Foto: Michael Kneffel, 2013)

Das riesig besetzte Orchester hatte Möglichkeiten zu glänzen, und nutzte diese teilweise auch. Spannend wurde es noch einmal nach der kurzen Pause: es folgte die Uraufführung von Dmitri Kourliandskis „Riot of Spring“.

Der Dirigent mit Geige gab am Podium den Ton an, dieser wurde vom Orchester aufgenommen, über einen Synthesizer gejagt und kehrte dann als Einspielung in vielfacher Variation wider. Als eine der Musikerinnen  dann ihren Platz verließ, konnte man an eine plötzliche Übelkeit glauben. Aber weit gefehlt; Nach und nach verließen alle Musiker, die meisten mit ihren Instrumenten das Podium und mischten sich ins Publikum, Dann durften überraschte Konzertbesucher auch mal Geige streichen und  Orchester hautnah erleben.

Mit wenigen Variationen setzte sich die Beschallung, die das Live-Spiel dominierte, fort, bis Musiker und Instrumente glücklich zum Schlussapplaus wieder auf dem Podium versammelt waren. Dieses Konzert zum Anfassen wurde stürmisch gefeiert. Die musikalische Innovationskraft hielt sich jedoch in Grenzen und wirkte für mich letztlich immer noch mehr bei dem „alten“ Strawinsky als bei dieser Uraufführung.

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