Pathos statt Emotion, Kitsch statt Kunst

Schillers neue CD „Opus“ revisited

Die geschätzte Kollegin Tschorn hat vor Kurzem eine sehr wohlwollende Rezension von Schillers neuer CD „Opus“ vorgelegt, welche mich, der ich bisher noch nie einen Ton Schiller gehört hatte, neugierig gemacht hatte. Möglicherweise hatte ich Christopher von Deylens erfolgreiches Projekt bisher zu Unrecht ignoriert – Zeit also, versäumtes nachzuholen. Das war aber keine gute Entscheidung, denn was mir da eine quälend lange Stunde aus den Lautsprechern entgegen geschleimt kam, war die mit Abstand ödeste Musik, die seit sehr langer Zeit gehört habe.

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Schiller „Opus“
Foto: Universal

Hätte ich doch nur die Warnhinweise in Kathrin Tschorns Rezension ernst genommen: Ein Haufen totgedudelter Klassikhits, die auch ein André Rieu nicht von der Bettkante stoßen würde, werden auf „Opus“ elektronisch „neu“ interpretiert, was, wie ein Blick in die Musikgeschichte zeigt, fast immer in die Hose geht.

Elektro-Nerds, die klassische Kompositionen bearbeiten, wagen sich in der Regel weiter vor, als ihnen künstlerisch gut tut, auch Schiller macht da keine Ausnahme, das bestätigt sich bereits nach wenigen Takten: Sphärische Synthie-Flächen flirren und decken den letzten Funken Originalität zu, der in den Kompositionen ursprünglich mal enthalten war und „nehmen den Hörer mit auf eine Reise“ oder was es sonst noch an Klischees gibt, die mit mystisch angehauchtem elektronischen Gewaber gemeinhin assoziiert werden. „Opus“ ist Pur’s tongewordenes „Abenteuerland“ – der Ort, an dem Fantasie und Kreativität unter einer Decke aus sich modern gebender Spießbürgerlichkeit einbetoniert werden. Das langweilig und vorhersehbar zu nennen, wäre eine schamlose Untertreibung.

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„Opus“ – Schiller und Grimaud
Foto © Eric Schneider / DG

Aber all das wäre mir eigentlich herzlich egal und keine erneute Rezension wert. Wenn mir Musik begegnet, die ich nicht mag, schalte ich sie aus ich höre was anderes, kein Problem. Was mich an „Opus“ aber wirklich ärgert, ist die Dreistigkeit, mit der dieser ideenbefreite Synthie-Sirup als Ausdruck menschlicher Hochkultur verkauft wird. Alles an „Opus“ – die Auswahl der Kompositionen und der Gaststars (u.a. Anna Netrebko und Hélène Grimaud), die State-of-the-art-Technik, der anmaßende Titel der CD – soll über die nicht vorhandene Substanz dieses auralen Kleisters hinwegtäuschen und selbst dem begriffstutzigsten Hörer signalisieren, dass hier gerade Musik mit Anspruch aus den Boxen quillt. „Opus“ bietet dem Hörer jedoch nur hohles Pathos statt Emotionen und Kitsch statt Kunst; jeder Ton täuscht Tiefgründigkeit vor und bettelt geradezu darum, dass wir seine Banalität überhören.

„Christopher von Deylens Musikauffassung wird gelobt, weil sie kühn ist“ schreibt die Plattenfirma, was bezogen auf „Opus“ eine, nun ja, kühne Behauptung ist. Denn Musik ohne Wagnis, dafür aber irgendwie anspruchsvoll, ist in Deutschland immer eine sichere Bank. Das ist nicht verwerflich, aber auch nicht besonders ehrlich. Und gute Musik ist es deshalb noch lange nicht.

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Über Christian Siebje

Christian Siebje | Jahrgang 64, aufgewachsen in Hamburg. Lebt und arbeitet als Journalist, Texter, Blogger und Familienvater in Karlsruhe. Musik als Leidenschaft: Bach, Klassik, Electronica, Alternative, Reggae, Soul, Jazz, Pop, Punk & Avantgarde.