Blumen des Besonderen 2013: Claude Debussys Lieder

Poetisches von Stella Doufexis und Daniel Heide

Beim Namen Debussy denkt der Hörer zunächst an die Rezeption der javanischen Gamelan-Musik und an den Impressionismus. Doch nahm dieser wie andere zeitgenössische Komponisten gerne Anleihen bei Themen und Motiven symbolistischer Dichter, was zu seiner musikalischen Diktion nie im Widerspruch stand. Die Texte der symbolistisch aufgeladenen Poèmes lyriques (1892/93) gehen sogar auf ihn selbst zurück. Bei der Auswahl der Lieder für die aktuelle Aufnahme mit der deutsch-griechischen Mezzosopranistin Stella Doufexis und dem Pianisten Daniel Heide standen allerdings die poemnahen Stücke der frühen und späten Schaffensperiode  im Vordergrund.

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Claude Debussy: Poèmes (Berlin Classics)

Claude Debussy: Poèmes (Berlin Classics)

Sowohl die Nuit d’étoiles als auch Fleur des blés entstanden von 1876 bis 1880 als Erinnerung an die Jugendliebe Marie-Blanche Vasnier, eine Koloratursopranistin, der Debussy während seiner Studienzeit am Pariser Conservatoire begegnet war. Noch bis 1884 schrieb er vier weitere Mélodies für die verheiratete Frau. Dasselbe gilt für die Fêtes Galantes, deren erster Band in seiner fünfteiligen Version um 1883 komponiert wurde; drei der Verlaine-Vertonungen wurden jedoch erst 1891 gedruckt. Beim ersten Stück, En sourdine, handelt es sich um ein Waldidyll, von der Nachtigallenstimme dominiert, ein verhaltenes Lied, das nur im Mittelteil eine akkordische Verstärkung erfährt und insgesamt durch seine Transparenz besticht. Von einer munteren ausgelassenen Seite zeigt sich der Komponist in Fantoches, einer äußerst knappen Vorstellung der Typen der Commedia dell’Arte en scène, während Clair de lune in eher traurigem Ton das Treiben tanzender und lautenschlagender Masken im Mondschein darstellt. Eine solche spezifische Form des Gedenkens an die Geliebte greift übrigens noch das dreiteilige Le promenoir des deux amants (1904/1910) auf.

Die zwei großen Lyriker Stéphane Mallarmé und der Bohémien-Dandy Charles Baudelaire kamen ebenso wie Verlaine Debussys Empfindungswelt nahe, weshalb er jedem von ihnen einen Zyklus mit einer Auswahl aus ihren Gedichten widmete. Erstaunlicherweise suchte er mit Le balcon, Harmonie du soir, Le jet d’eau, Recueillement und La mort des amants (1887 –  1889) nach Baudelaire Wagners düstere Klangwelt aus dem Tristan in die französische Kunstmusik einzuführen, was ihm keinen Erfolg einbrachte; erst 1902 wurde der Zyklus gedruckt. Trois poèmes de Stephane Mallarmé (1913) bildet den Abschluss seines gesamten Liedschaffens zu einer Zeit, als ihn die symbolistische Dichtung nochmals zu faszinieren begann. Allerdings geht es nun um die Hervorhebung der Worte in schlanken, reduktiven Klangstrukturen, nicht mehr um die Steigerung des Gedichts durch die eigenen ausladenden musikalischen Vorstellungen.

Genau dieser Aspekt der Klarheit ist es, der Stella Doufexis‘ Herangehensweise an ein schwieriges, teilweise klanglich-frostiges Repertoire des so genannten Impressionismus entspricht: Sie entwickelt die Lyrizität der musikalischen Interpretation aus dem Klang der Worte selbst und aus der Bedeutung des jeweiligen Poems. Daniel Heides subtil ausgeführte Klavierbegleitung passt sich – in idealer Weise – sowohl der Vokalstimme als auch den Gedichten selbst flexibel an. (Berlin Classics, Edel Germany 2013, Best.-Nr. 885470005249)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.