Von Wincenty z Kielce zu Grazyna Bacewicz

Streifzug durch die polnische Musik

Von den Anfängen der Musik im östlichen Nachbarland Polen ist wenig bekannt, da Aufzeichnungen erst mit der Rezeption der Nôtre-Dame-Schule einsetzen. Das älteste polnische Lied, Bogurodzica, dem noch heute die Würde der Nationalhymne zukommt, kann bislang nicht datiert oder zugeschrieben werden. Der erste bekannt gewordene Komponist war der Dominikaner Wincenty aus Kielce; er war der Urheber des zu Beginn des 13. Jahrhunderts geschriebenen Gaude mater Polonia. Vielleicht in größerem Umfang als in den westeuropäischen Ländern wurde im polnischen Mittelalter Tanzmusik gepflegt.

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Chopins Klavier in Valldemossa, Mallorca (Gryffindor)

Chopins Klavier in Valldemossa, Mallorca (Gryffindor)

In der Renaissancezeit dominierte von außen der Einfluss Italiens, hauptsächlich, weil italienische Musiker am Königshof tätig waren. Einige rührige polnische Komponisten, voran Mikolaj Gomolka, konnten sich mit ihren Werken im Repertoire behaupten. Gomolka schrieb Musik zu Gedichten Jan Kochanowskis, unter anderem Melodie na Psałterz polski. Daneben erlangten auch Waclaw z Szamotul und Mikolaj Zielenski Bedeutung. Als einflussreichster Barockkomponist kann Adam Jarzebski bezeichnet werden; er schuf insbesondere Kirchenmusik für den Warschauer Hof. Während der kurzen Regentschaft Wladyslaw IV. Wasa kam es zu einer ersten Blüte der Oper italienischer Prägung: Von 1634 bis 1648 wurden in Warschau über zehn Opern aufgeführt, womit Polen zum wichtigsten Opernland außerhalb Italiens wurde.

Zur Zeit Jarzebskis begann die Polonaise ihren Siegeszug durch Europa anzutreten; in Deutschland widmete sich auch Georg Philipp Telemann dem populären Genre. In der ländlichen Gesellschaft Polens setzten sich Mazurka, Krakowiak und die aus Tschechien bekannte Polka als beliebteste Tänze durch. Das folgende, 18. Jahrhundert brachte wegen der polnischen Teilungen nicht nur politisch, sondern für die Künste wie die Musik eine deutliche Schwächung des kulturellen Lebens mit sich. Eine Ausnahme stellen etwa die Nationalgesänge und Polonaisen des Politikers und Gesandten Michal Kleophas Oginski dar.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte Frédéric Chopin nach der international renommierten Konzertpianistin Maria Wolowska-Szymanowska die europäische Klaviermusik zu einem Gipfelpunkt. Er attestierte der Musik eine eigene Sprache und Poesie, die von Worten gänzlich unabhängig sein sollte. In der Romantik entstand mit Stanislaw Moniuszkos Halka auch die wichtigste polnische Oper des 19. Jahrhunderts, an dessen Ende mit der Bewegung des „Jungen Polen“ neuartige Klänge in die polnische, ja überhaupt in die westliche Kunstmusik Eingang fanden. Die bekanntesten Namen dieser Epoche sind nach dem hochromantisch komponierenden Zygmunt Noskowski der junge Mieczyslaw Karlowicz, der viel zu früh durch einen Bergunfall ums Leben kam, Karol Szymanowski und Grzegorz Fitelberg.

Der Pianist und Komponist Ignacy Jan Paderewski wurde nach dem Ersten Weltkrieg Ministerpräsident Polens und vertrat das Land sowohl bei der Pariser Friedenskonferenz als auch in den Vereinigten Staaten, wo etliche Städte über einen bedeutenden polnischen Bevölkerungsanteil verfügten. In der Zwischenkriegszeit etablierten sich weitere Musiker und Komponisten und erlangten teilweise auch durch ihre Tourneen internationale Aufmerksamkeit: Arthur Rubinstein, Zygmunt Mycielski, Michal Spisak und Grazyna Bacewicz, die schon vor Krzysztof Penderecki mit seinen avantgardistischen Kompisitionen als Vertreterin der polnischen Moderne galt.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.