Anjas Abwasch

Bad Oeynhausens Kellerkinder

Dass ich gerne zu Inspirationszwecken in dem einen Café oder der anderen Kneipe zu finden bin, ist nichts Neues. Und gegen „back to the roots“ habe ich ja auch nichts einzuwenden, vor allem nicht, wenn ich mich ganz unverbindlich an meine glorreiche Vergangenheit erinnern darf. Was kommt da besser als eine abgewatzte Metal-Kneipe? Ach, war’n das noch Zeiten als ich in solchen Schuppen abhing. Da schrieb man „No future“ auf sein Herlitz-Mäppchen, hörte Paranoid und fühlte sich so herrlich aussichtslos. Hätte man uns gesagt, dass uns ein Doppelhaus und ein Kombi erwartet, hätten wir uns wohl lässig den Scheitel tiefer ins Gesicht gezogen, den Iro hochgestellt oder grinsend auf unsere Buttons hingewiesen.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

AnjaMetal

Quelle: Anja Thieme/Foto: Marius Thieme

Pffff … als ob wir enden wie unsere Eltern … Null Bock!
Nein, so leid es mir tut – ich bereue keinen Sonntagsmorgenkater mit autonomen Besetzern aus Duisburg, wo der Tag mit wildem Rumgeknutsche in der Metalpinte losging, zwischen den Laken neben Rattenkäfig und Wodkaflasche endete und der nächste mit Schwarzer Krauser, zähflüssigem Kaffee und einem kotzenden Kerl begann, der danach in der Unterhose an den wackeligen Küchentisch getrabt kam und dort weiterpennte.
„Morgen, wie heißt du nochmal …?“
„Keine Ahnung …“

Und da sitze ich also tatsächlich 20 Jahre später im Black Sabbath, an einer biergetränkten Theke … mal endlich eine Location die nicht 80er Jahre Retro durchgestylt ist sondern einfach – na ja – 80er ist. Oder noch früher. Schwarze Wände, weißer Sarg auf der Stage und Waschräume bei denen Jugendfreund G. losgejubelt hätte: „Wie geil, ein Fixerklo mit rosa Fliesen.“ Diese Kneipe gibt es. Nah genug, dass ich zu Fuß nach Hause schwanken könnte. Ich kann mein Glück kaum fassen!

Auf der „Terrasse“ (Sonnensegel und drei Bänke) säuft sich irgendeine Metallergang durch die Karte, offensichtlich zum Inventar gehörend. Bei ihnen eine dürre, süße dunkelhaarige mit milchigem Schneewittchengesicht und Freiwild-Hoodie.
„Wo ist mein Autoschlüssel?“, herrschte ihr rund 10 Jahre älterer Freund sie an.
„Hab ich mir in die M… gesteckt …“ antwortete sie gelassen, worauf er johlend Pizza für die ganze Baggage orderte. Ach ja richtig! – Irgendwann kannst du einfach nicht mehr unterscheiden, ob die Leute obercool, breit, besoffen oder einfach prollig sind. Und das ist auch gut so. Schneewitchen wollte plötzlich Muslimin sein und begehrte von wissen zu müssen, wo Mekka liegt. Vermutlich links vom Südbahnhof. Leider war kein Teppich in der Nähe – ihre Gebete hätten mich wirklich interessiert. Ja, ja – völlig kulturlos alles, aber ein Teil von mir beschloss, noch einen zu trinken und sich sauwohl zu fühlen.

Ab Mitternacht wurde das ganze dann mal kurz in eine geschlossene Gesellschaft umgemünzt und wir fanden uns mit ordentlich lauter Mucke im Mittelgrund rauchend! am Tresen wieder, wo uns Ozzy Osbourne über die Schulter Fratzen schnitt und sich Freiwild-Schneewitchen auch mal hinter die Theke stellte – für so ein kleines Persönchen konnte die wirklich einen Stiefel vertragen. Sie grinste mich an und zwinkerte mir zu. Zufrieden nuckelte ich an meinem Tequila Sunrise – offensichtlich ändern sich manche Dinge einfach nie! Wir uns offensichtlich auch nicht wirklich! Gottseidank!

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.