Pionier in den Wechseljahren

Gary Numan – „Splinter (Songs From A Broken Mind)“

Nichts, aber auch rein gar nichts erinnert mehr daran, dass Gary Numan elektronischen Pop produzierte. Vorbei die Zeiten von „Cars“ und „Are ‚Friends‘ Electric?“, mit denen der immer etwas unnahbar wirkende Numan eine ganz eigene Interpretation kraftwerk’scher Klangkunst anstrebte und so dem New Romantic auf die Sprünge half. Gary Numan ist im neuen Jahrtausend angekommen. Und hat sich auf „Splinter (Songs From A Broken Mind)“ den Künstlern angenähert, die ihn und seine Tubeway Army am meisten vergöttern.

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Alter schützt vor Industrial nicht: Gary Numans "Splinter" kracht gewaltig (Quelle: Cooking Vinyl)

Alter schützt vor Industrial nicht: Gary Numans „Splinter“ kracht gewaltig
(Quelle: Cooking Vinyl)

Marilyn Manson und Trent Reznor (Nine Inch Nails) nennen Numan eine ihrer wichtigsten Inspirationsquellen. Letzterer zieht im aktuellen Kräftemessen (im September erschien NINs neues Album „Hesitation Marks“) allerdings den kürzeren. Denn Numan, mittlerweile schon stramm über 50, bringt mit „Splinter“ ein vollkommenes Werk heraus, das sämtliche anderen aktuellen Veröffentlichungen überragt.

Schon die ersten beiden Stücken „I Am Dust“ und „Here In The Black“ sind monströse Industrial-Brocken, die schwer stapfend aus den Boxen auf den Hörer marschieren. Sie geben die Richtung des Albums vor, das die Vollendung einer Metamorphose des Künstlers darstellt.

Seit den 1990ern hat sich Numans Sound verändert, wurde zusehends nachdenklicher, härter und düster. Dieser Weg war auch verbunden mit einigen schwer greifbaren Platten („Exile“ von 1997 und „Pure“ drei Jahre später). Nun ist Gary Anthony James Webb, wie er eigentlich heißt, endlich bei sich und seinem Sound angekommen.

Dass das neue Album so intensiv geworden ist, liegt vielleicht auch an Numans privaten Kämpfen, die er auszufechten hatte. Er befand sich nämlich in einer ausgewachsenen Midlife-Crisis, die er in seinen Songs verarbeitete. „A Shadow Falls On Me“ oder „Here In The Black“ sind Belege für seine neue Nachdenklichkeit, die sich auch kompositorisch im kontemplativen „Lost“ manifestiert.

Ohne Übertreibung lässt sich „Splinter“ zu den absoluten und überraschenden Highlights dieses Jahres zählen. Denn Numans immer noch glockenhelles Organ und der mit viel Schmutz angereicherte Industrial-Rock bilden eine perfekte Symbiose. Weise ist der Musiker geworden, leise oder gar milde zum Glück nicht.

VÖ: 11.10.2013 (Cooking Vinyl/Indigo)

Ein kleiner Vorgeschmack: „I Am Dust“, mit einem liebevoll gestalteten Fan-Video

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!