Happy birthday, „It’s Your Birthday!“

Die Folgen der immer stärker um sich greifenden Lizenzenmeierei sind zuweilen so abstrus wie traurig: Wer bei einer Geburtstagsfeier dem Geburtstagskind ein Ständchen bringen will, muss sich erst vorsichtig umschauen, bevor er die bekannte „Happy Birthday“-Melodie anstimmt. Befindet er sich in einem Restaurant? Auf einer Straße, mit Passanten? In der Schule? In einem anderen öffentlichen Raum? Dann hält er besser den Mund, denn es könnte der GEMA-Mann um die Ecke kommen und die Hand aufhalten.

Den meisten Sängern des Geburtstagsklassikers ist gar nicht bewusst, dass das Lied unter Lizenz steht, so sehr scheint es zum allgemeinen Kulturgut zu gehören. Diese Ahnungslosigkeit kann teuer werden.

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Quelle: Ed g2s, Wikimedia Commons

Singen wir bald statt „Happy birthday“ „It’s your birthday“?
Foto: Ed g2s, Wikimedia Commons

Die beiden Schwestern Mildred und Patty Hill, die Ende des 19. Jahrhunderts in einem Kindergarten in Louisville, Kentucky arbeiteten, komponierten den Song (mit dem ursprünglichen Text „Good Morning to All“) für ihre Schützlinge.

Und betrüblich, aber wahr: 1935 ließen sie bei der ASCAP, dem amerikanischen Gegenstück der GEMA, das Urheberrecht für die Melodie und die Textversion „Happy Birthday to You“ registrieren, die vermutlich von Robert H. Coleman stammt – der hatte zuvor seine Textversion zum Lied ohne Einwilligung der Schwestern veröffentlicht, was ihm eine Klage an den Hals brachte, die die Hills gewannen.

1989 kaufte der Musikverlag Warner/Chappell Music für 15 Millionen Pfund die Rechte an „Happy Birthday“. Eine lohnende Investition, denn schon 1996 bescherte der Song dem Verlag eine Einnahme von 625 000 Pfund. Heute nimmt der Konzern mit den Lizenzgebühren jährlich etwa zwei Millionen US-Dollar ein. Das Geburtstagsständchen sei eines der gewinnbringendsten Copyrights überhaupt, erklärt die ASCAP zu den Rechten an Happy Birthday.

In Europa ist „Happy Birthday“ noch mindestens bis zum 31. Dezember 2016 geschützt, dann wären seit dem Tod der letztverstorbenen Hill-Schwester die obligatorischen 70 Jahre verstrichen. In den USA wird der Urheberschutz wegen einer Änderung des amerikanischen Urheberrechtsgesetzes wohl noch bis 2030 gelten.

Grund genug für einen Freiheitskampf: Ende 2012 rief das Free Music Archive gemeinsam mit dem amerikanischen Rundfunksender WFMU einen Kompositionswettbewerb aus, um eine lizenzfreie Alternative zu „Happy Birthday“ zu finden. The New Birthday Song Contest hieß das Projekt, und mehr als 100 Lieder wurden eingereicht. Im Februar wurde der Gewinner des Wettbewerbs präsentiert: Er heißt „It’s Your Birthday!“ und stammt von Monk Turner und Fascinoma. Zugegeben, ganz so ohrwurmig wie der Happy-Birthday-Klassiker klingt der Song (noch) nicht, aber dafür steht er unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY 3.0 und darf auf der nächsten Party, im Klassenzimmer, in der nächsten Videobotschaft oder im nächsten Film kostenlos zum Besten gegeben werden.

Also dann, happy birthday, „It’s Your Birthday!“

Alle übrigen Lieder, die beim New Birthday Song Contest eingereicht wurden, kann man beim Free Music Archiv nachhören und downloaden.

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Über Maike Steenblock

Freie Journalistin aus Hamburg. Studierte Klassische Philologie und Geschichte in Hamburg und Rom, schreibt über Food und jetzt auch über Musik. Spezialgebiet: Klassik