Mit dem Cello über tosende Klangwellen und Weltmeere

MNÖÖÖÖÖB – jeden Abend um 19 Uhr dröhnt das Schiffshorn laut durch die Stadt. Kieler hören: die Fähre nach Göteborg legt ab. Sie zieht vorbei am Schloss mit dem Konzertsaal der Landeshauptstadt, aus dessen Foyer man das glitzernde Wasser der Förde sieht.

Und auch drinnen können Wellen blitzen und toben! Wenn sie auch unsichtbar blieben, so riss jedoch der spritzige Klang des Cello-Solisten und Orchesters beim 5. Meisterkonzert am 4. März stark mit.

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Historischer Klangzauber

Das La Folia Barockorchester musizierte sehr lebendig, geleitet vom dreißigjährigen Geiger Robin Peter Müller. Das neunköpfige Ensemble ohne aussenstehenden Dirigenten musizierten hellwach miteinander. Durch ihr hohes spielerisches Niveau zauberten sie aus Barockinstrumenten einen fein strukturierten Gesamtklang, in dem die einzelnen Stimmen hervorragend aufeinander abgestimmt waren, dabei jedoch klar und deutlich erkennbar blieben. Welche Schwierigkeiten die rund 250 Jahre alten Instrumente bereiten können zeigt das langwierige Stimmen. Müller erklärte den Konzertbesuchern dazu, dass daran zu sehen ist, welch „zickiges Material“ es ist – denn ihre historischen Instrumente haben Darmseiten von Schafen und Ziegen!

Donquichotterie

Blöckende Schafe hätte im ersten Stück vorkommen können: denn in der „Burlesque de Quixotte“ von Georg Philip Telemann kommen immer wieder diese und andere Tiere vor. Doch trotz einiger fast schon „lautmalerischer“ Passagen war ein Blöcken nur schwer zu erkennen – dafür rauschte durch das Ensemble aber ein kräftiger Wind und ihr hochvirtuoses Spiel zeigte eindrucksvoll, gegen wen der Held gerade mit aller Kraft ritterlich kämpft: gegen Windmühlen. Von komplett anderer Klangfarbe war dann im nächsten Satz sein Seufzen aus Sehnsucht nach der (erträumten) Dulcinea – die Musiker klagten mit ihren langen, runden Barock-Bögen. Sie spielten fast ohne Vibrato und schufen damit einen ergreifenden Klang: schnörkellos und sehr ausdrucksstark.

Virtuosität und Spielfreude

Jan Vogler nach dem Kieler Meisterkonzert: nach virtuosen "Klangwellen" wieder glücklich an Land... Foto: Matthias Berg

Jan Vogler nach Fahrt über „Klangwellen“ wieder zurück an Land… Foto: Matthias Berg

Nach Telemanns „Held von trauriger Gestalt“ zeigte der Cellist Jan Vogler in den Konzerten für Violoncello a-moll (Wq 170) und A-Dur (Wq 172) von Carl Philipp Emanuel Bach durch mitreissendes Spiel seine enorme Könnerschaft. Virtuos ließ er den Bogen über die Saiten seines Stradivari-Cellos springen oder setzte sich in den ruhigen Passagen mit intensivem Ton durch, der ebenfalls mit keinem oder nur geringem Vibrato auskam. Solist und Orchester stachelten sich gegenseitig mit ihrer Spielfreude immer weiter an und konnten damit kräftige „Klangwellen“ schaffen – da war keine „traurige Gestalt“ mehr auf der Bühne!

In der Zugabe zeigte Jan Vogler mit einem Satz aus den Solosuiten von „Vater Bach“ – also Johann Sebastian – zutiefst ergreifend, welche Kraft und Schönheit in der schlichten Allemande aus der 6. Suite stecken kann. Der Solist verriet dem Publikum: „Dies ist das Stück, dass ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde!“

Das Barockorchester ließ in der zweiten Zugabe dann noch einen kräftigen Wind über diese „einsame Insel“ wehen: sie wiederholten den „Kampf gegen die Windmühlen“.

Musik und das weite Meer

Die Musik und das Meer verbindet offensichtlich viel! In der Preview versprach ich den amusio-Lesern, dass ich den Solisten fragen will, was Treibstoff für die großen Meisterleistungen sein kann. Jan Vogler, der vor einem Jahr beim Musikfestival auf einem Kreuzfahrtschiff über die Weltmeere schipperte, wird auch durch das große Vorbild des Meeres angetrieben: „Die Musik sollte die Weite des Meeres haben und unbegrenzt sein! Das Meer ist ja die einzige unbegrenzte Landschaft der Erde.“ Neben der mehrfach betonten Weite und Mehrdimensionalität des Meeres als Ideal für die Musik ist er aber auch ganz persönlich mit dem Meer verbunden: „Ich liebe den Geruch des Meeres ungeheuer – ich lebe in New York ja auch direkt am Wasser!“

Ob man dort wohl auch ein Schiffshorn so durchdringend hören kann wie in Kiel?
Doch nach dem Konzert mit seinen feinstrukturiert gespielten Tönen der schlichten und vielfältigen barocken Musik wirkt das lange MNÖÖÖÖÖB irgendwie viel zu plump! Sollte daraus vielleicht ein MÖT MÖT MÖT werden? Doch diese drei kurzen Signaltöne heißen wieder was anderes in Kiel: es ist 9:30, die Fähre aus Oslo legt (rückwärts) an.

Nicht nur die „Sprache der Musik“ ist nicht einfach zu verstehen, auch die der Schiffe…

 

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Über Matthias Berg

"Startphase" mit Praktikum bei der taz und Studium in Hamburg & Bonn (Geographie & Journalistik). Arbeitet freiberuflich in Kiel und kreuzt dabei leidenschaftlich gerne mit Cello oder Segelschiff über Musik- & Meereswellen.