„Die Blumen an der Halde…die blühn (nicht) im Dunkeln fort."

Bisher unbekannt oder vergessen: Lebendige Alte Musik demnächst auf CD

 Anfang 2014 erscheint beim Label Decca eine im diesjährigen April eingespielte Neuaufnahme von Händels Oper Tamerlano mit dem Kammerorchester Il Pomo D‘Oro unter Riccardo Minasi. Neben dem zur Zeit vielbeanspruchten Countertenor Max Emanuel Cencic und anderen Solisten sind Sophie Karthäuser, Karina Gauvin, Xavier Sabata und Daniel Behle mit von der Partie. Die Triosonaten von Arcangelo Corelli op. 2 sind erstmals durch die Blockflötistin Silvia Müller in Verbindung mit dem Ensemble Wooden Voices eingespielt worden und werden demnächst greifbar sein. Alter neben traditioneller Musik aus Estland, dem deutschsprachigen Hörer bislang eher unvertraut, widmet sich das sechsköpfige Renaissance-Ensemble Heinavanker, demnächst herausgegeben von Harmonia Mundi. Heinavanker tourt seit den Anfängen 1997 auch durch Deutschland.

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Das Renaissance-Ensemble Heinavanker (www.heinavanker.ee)

Das Renaissance-Ensemble Heinavanker (www.heinavanker.ee)

Relativ kryptisch wurden bisher auch Komponisten wie Curzio Mancini (ca. 1553 – nach 1611), Andrea Falconieri (ca. 1585 – 1656), Thomas Selle (1599 – 1663), Friedrich Wilhelm Stoeffken (1646 – 1709), Jean Gilles (1668 – 1705) oder Carlo Tessarini (1690 – nach 1766) gehandelt, was natürlich damit zusammenhängt, dass Originalmanuskripte in Archiven nicht ausreichend katalogisiert, gesehen oder der Veröffentlichung nicht für wert befunden wurden, weil man sie als Hervorbringungen kleiner Geister geringschätzte. Von den großen Namen wird tendenziell jedoch noch das kleinste Schnipselchen hervorgezogen, um es in das Gesamtwerk einzuordnen und im Falle des Auftauchens weiterer Fragmente eine nicht immer stimmige Rekonstruktion zur Aufführung zu bringen. Manche Entdeckung lohnt nicht so recht eine Einspielung – wie zu Beginn des Millenniums ein Londoner Händel-Fund durch den Musikforscher Hans-Joachim Marx zeigte.

Zurück zu den bedeutsamen Unbekannten; manches Fremdartige und Bestrickende ist zu entdecken, nicht zuletzt werden Lücken in der Forschung geschlossen und die jeweilige Teilepoche, in der das Werk entstand, schillert nun in anderen Farben: Wie Johan van Veen im Hinblick auf Mancinis Kompositionen für die Kirche ausführt, galt für das Rom der Renaissance- und Barockzeit eine Besonderheit etwas ganz anderes als für die Verhältnisse in Venedig: Der Chor wurde in zwei gleiche Hälften geteilt, musiziert wurde ohne zusätzliches Instrumentalensemble, nur die Orgel für die tiefste Bassstimme. The Cardinall’s Music unter Andrew Carwood hat jetzt Allegris Miserere in Kombination mit  Werken anderer römischer Musiksetzer eingespielt (Hyperion CDA67860). Falconieris sonst ebenso nur in Potpourris mit tanzbaren Stücken des frühen 17. Jahrhunderts verstreut anzuhörendes Werk wird auf der CD Il Spiritillo Brando – Dance Music in the court of Italy and Spain (Glossa GCD 923101) unter Josetxu Obregón und mit dem Ensemble La Ritirata nun etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Der Hamburger Musikdirektor Thomas Selle, der auch in schleswig-holsteinischen Kleinstädten wirkte, adaptierte wohl um 1670 herum den italienischen Stil. Seine Werke, die Geistlichen Concertlein oder Newe amorösische Liedlein, in denen Text und Musik eine sehr enge Verbindung eingehen, sind besonders in dieser frühen Phase lebendig genug gestaltet, werden aber in der Aufnahme mit dem Ensemble Metamorfosi und unter der Leitung von Monika Mandelartz eher langsam angegangen (CHR 77362). In der Kathedrale von Durham wurde eine Sammlung mit recht frei gestalteten, „fantastischen“ Sonaten aus der frühen Barockzeit aufbewahrt, die sowohl auf englische wie auf deutsche Komponisten zurückgehen. Sie fanden sich nämlich im Besitz von Frederic William Steffkins, dem Sohn des deutschen Gambisten Dietrich Stoeffken, der als Gambist 1628 an den englischen Königshof gekommen war. Die Stücke wurden nun erstmalig von La Sainte Folie Fantastique aufgenommen (Alpha 191).

Der aus Toulouse stammende Komponist Jean Gilles, dessen Requiem seinerzeit in ganz Frankreich aufgeführt wurde, rückt nunmehr in das Licht der Öffentlichkeit durch das Orchestre Baroque de Montauban, aber mit anderen Werken, nämlich einer Messe in D-Dur und einem Te Deum (Lidi 0202246-12). Der Gruppierung Guidantus gebührt das Verdienst, nach dem Erscheinen des Violinkonzerts op. 1 des praktisch vergessenen, in Venedig an San Marco lokalisierten Geigenvirtuosen Carlo Tessarini nun auch dessen nach dem Muster Corellis viersätzig gestrickten 6 Sonaten für Violine und Basso continuo (1748) dem Hörer von heute nahegebracht zu haben. Marco Pedrona, Violine, und Marco Montanelli, Cembalo, musizieren ohne Hinzunahme des Violoncellos. (CAL 1208)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.