Herr B. sieht fern

Scripted Reality – ein Selbstversuch (Teil 1)

„Geh isch Casting. Werd isch Superstar, Alter.“ Wenn man wie ich  häufig mit der U-Bahn unterwegs ist, schnappt man Dialoge dieser Art immer mal wieder auf. Und wenn man sich dann am Abend durch die Programme zappt, stößt  man auf eine Flut von Formaten, in denen sich Amateure aller Art produzieren können, vom Big Brother Container-Knast über Casting- und Talkshows bis hin zur sogenannten Scripted Reality.

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„Ach du meine Güte, wie ist unsere Jugend denn drauf? Wollen die alle ins Fernsehen und möglichst schnell die Abkürzung zu Ruhm und Prominenz nehmen?“ Das mag sich mancher Fernsehzuschauer vielleicht fragen. Ob es indes die viel beschworene Generation Casting wirklich gibt, das sei dahingestellt, denn all die Jugendlichen, die nicht ins Fernsehen wollen und beispielsweise Tierärztin, Astronaut oder katholischer Priester werden wollen, finden natürlich kein Gewicht in den Medien.

Fest steht aber: Es war noch nie so einfach wie heute, in die Glotze zu kommen.

Wer über die Einsicht verfügt, dass er weder besonders musikalisch ist, noch Modelqualitäten besitzt und vielleicht auch nicht mehr der Jüngste ist, muss aber nicht verzagen, denn es gibt für jeden einen Platz. Willkommen in der wunderbaren Welt der  Scripted Reality.

Die „reale“ Realität ist vor allem eins – banal und extrem unzuverlässig. Eine Geschichte soll ja spannend sein, und die Realität ist es oft nicht. Also hilft man ihr ein bisschen nach. Man erfindet einfach Geschichten und stellt diese dann mit Laien dar. Dabei bedient man sich der Mitteln des Dokumentarfilms: wackelige Handkamera, die Protagonisten kommentieren in einem scheinbaren Interview die Ereignisse usw.

Betrachtet man diese Sendungen unter filmischen Gesichtspunkten, kann einen nur das nackte Grauen packen. Es ist billig. Die Stories sind klischeehaft. Und die Darsteller grottenschlecht. Der Witz ist aber, dass viele Zuschauer die Sendungen nicht als Fiktion erleben, sondern als eine Art Blick durchs Schlüsselloch in eine vermeintliche Realität. Die Akteure wirken oft sehr hölzern, aber auch das bedient das Format. Denn man sieht ja, das sind keine Schauspieler, demnach muss das Gesehene real sein. Im Abspann wird dann zwar der Hinweis gegeben, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt, aber wer beachtet das und zappt sich nicht gleich zum nächsten Sender, sobald die Schlusstitel laufen. Es ist erstaunlich und kaum zu glauben: Umfragen zufolge, halten 30 % der Zuschauer das Gesehene wirklich für real.

Die Scripted Reality Formate am Nachmittag bringen ordentlich Quote. Da ist es nicht verwunderlich, dass es Produktionsfirmen gibt, die sich darauf spezialisiert haben und riesige Datenbanken mit Laiendarstellern aufbauen. Das Zauberwort heißt Typ-Casting. Braucht die Produktion eine fette, lethargische Harz 4 Empfängerin für eine Geschichte, dann schaut sie  in ihre Datenbank und castet für die Rolle eine fette, lethargische Harz 4 Empfängerin. Es wäre sicherlich ein Vergnügen, sich mal in eine solche Datenbank zu hacken, um zu sehen, unter welchen Stichwörtern die Darsteller dort abgelegt werden.

Frage im Bewerbungsformular: "Haben sie Tätowierungen" - "Na logisch!", Foto: Mick Baltes

Frage im Bewerbungsformular: „Haben sie Tätowierungen?“ – „Na logisch!“, Foto: Andreas Wäscher

Ich bin ein neugieriger Mensch und so fragte ich mich, wie wohl so ein Casting und wie die Drehs für eine Scripted Reality Geschichte ablaufen. So entschloss ich mich zu einem Selbstversuch.

Ich googelte den Begriff Casting und wurde sogleich fündig. Das Bewerbungsformular gab es gleich online und war in ein paar Minuten ausgefüllt. Noch am gleichen Tag bekam ich die Einladung zu einem Casting.

Zu diesem Termin sollte ich ein paar Fotos von mir mitbringen. Ich ließ mich also noch schnell von einem Freund ablichten. Ein paar Bilder im Anzug mit Krawatte und Lesebrille (schwer seriös), dann noch einige Fotos in Jeans und Tanktop, die Arme verschränkt, etwas grimmig dreinblickend und natürlich auch so, dass mein Tattoo gut zur Geltung kam, weil sich das Bewerbungsformular schon explizit für Tätowierungen interessierte.

Fortsetzung folgt…

 

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Über Mick Baltes

Jahrgang 1962, studierte Politikwissenschaft und Kunst in Duisburg. Hat Spaß an Blues, Rock und gutem Songwriting. Ist Cineast und TV-Junkie. Arbeitet als Redakteur und Webdesigner.