Vor ihrem ersten Album, das 2003 erschien, war die portugiesische Sängerin Ana Moura auf Lissaboner Fado-Bühnen aufgetreten. Aus ihrer Begleitung bei einem Konzert der Rolling Stones – mit Mick Jagger in „No expectations“ – rührt wohl ihre Affinität zum amerikanischen Rock, Pop und Jazz, die seither sowohl die Wahl des Bandinstrumentariums bestimmt als auch ihren Gesang, der auch auf der neuen CD „Desfado“ stilsicher den atlantischen Ozean überwindet; sie wurde im übrigen in einem Studio in Los Angeles aufgenommen. Soll der Titel gar andeuten, dass die junge Sängerin müde vom traditionellen Fado geworden ist? Von echter tiefschwarzer Tristesse ist die Einspielung jedenfalls weit entfernt …

Ana Mouras neues Album Desfado (UM Portugal, Decca, UMG 60235722858, 2012/2013)
Ana Mouras neues Album Desfado (UM Portugal, Decca, UMG 60235722858, 2012/2013)

Die 3 Songs „A Case of you“, „Thank you“ und „Dream of Fire“ zeigen jedenfalls eine vollkommen andere Orientierung, was bezeichnend genug auch für das sehr kurze Eingangsstück „Desfado“ gilt. Aber selbst die akustischen Gitarren in den typischen Lissaboner Fados neigen eher zum härteren Anschlag spanischer Stahlseiten. Die elfte Nummer, der Kontemplation eines südlichen Aufbrechens der Wolken geweiht, macht deutlich, dass Moura sich stimmlich auch ganz auf den historisch verwurzelten Fado besinnen kann – das Stück wurde von Manel Cruz komponiert. Sehr konventionell folkloristisch nimmt sich aus der knappe Fado Nazare „Com a cabeca nas nuvens“. In dem sparsam begleiteten, ruhig dahinfliessenden und dennoch leidenschaftlichen Indie-Pop-Song „Dream of Fire“ gesellt sich kein Geringerer als Herbie Hancock hinzu und verleiht der Nummer im Soloteil eine jazztypische Aura.

Als weitere Gastmusiker lassen sich auf „Desfado“ Angelo Freire, David Piltch, Jay Bellarose und Dean Parks hören, die meisten Songs sind Ana Mouras Eigenkompositionen. Für die Lieder aus ihrer eigenen Feder wurde sie schon 2010 in Portugal mit dem Globo de Ouro als beste Sängerin geehrt. Ein Jahr zuvor hatte Prince sie bei einem seiner Konzerte als Gastsängerin zu einem Duett auf die Bühne geladen. Da es sich bei „Desfado“ erst um die sechste CD der international anerkannten 34jährigen Musikerin handelt, können sich Fado- und Pophöree auf zahlreiche weitere Überraschungen freuen.

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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