Maurizio Iacono im Interview

Kataklysm: Bis die Regierung wütend an der Haustür klingelt und mit Gen-Gemüse wirft

Wie geht es eigentlich eurem Drummer Max, der ja eine Pause einlegen musste wegen seiner Alkoholkrankheit?

Die Northern Hyperblaster zählen zu den wichtigsten Bands der Death Szene (Quelle: Nuclear Blast)

Die Northern Hyperblaster zählen zu den wichtigsten Bands der Death Szene (Quelle: Nuclear Blast)

Ich habe, um ehrlich zu sein, länger nicht mehr mit ihm gesprochen, aber ich weiß, dass es sehr hart für ihn war, dass wir diese Tour ohne ihn machen mussten – erst wollten wir das neue Album ein Jahr verschieben, damit wir es gemeinsam machen können, aber leider gab es bei Max keine Zeichen einer gesundheitlichen Verbesserung und da wir eh mit dem Album schon länger gewartet haben, als es für uns üblich ist, beschlossen wir, loszulegen. Ohne ihn, weil wir alle merkten, dass wir auch für ihn langsam eine Entscheidung treffen mussten. Wenn du zum Frühstück erst einmal Wodka statt Orangensaft trinkst, ist da schon etwas faul und wir machten uns zu große Sorgen um ihn.
Aber für Max steht unsere Tür immer noch offen und wir nehmen ihn jederzeit zurück, falls er das möchte, egal wie lange es dauert, bis er wieder bereit ist.

Was unternimmst du denn selbst, um bei all dem Stress gesund zu bleiben und weder dem Alkoholismus noch dem Burn-Out-Syndrom zum Opfer zu fallen?

Teilweise ist das schwierig, weil wir auch großen Wert darauf legen, uns nach jedem Konzert noch mit den wartenden Fans zu treffen – die wollen dann nett sein und dir Drinks spendieren, was natürlich geil ist, aber wenn du jeden davon annimmst, bist du nach zwei Jahren tot (lacht). Deshalb haben wir regelrechte Schichtarbeit und sagen uns „Heute gehen Steph und JF raus zu den Fans, morgen ich und der Drummer“ – wobei Steph eigentlich fast jeden Abend mit den Fans trinkt, er hat da keine Probleme und liebt Partys. Dafür lebt er absolut alkoholfrei, wenn er Zuhause ist.
Ansonsten kann ich nur sagen, dass wir immer versuchen, es nicht zu übertreiben, wir essen viel Gesundes und schlafen unseren Rausch aus, außerdem ist es weniger Stress, wenn du liebst, was du tust.

Verlierst du deshalb auch so selten deine Stimme auf Tour? Du bist einer der wenigen Sänger, die nicht nach 3 Wochen halbtot klingen.

Nein, ich werde höchstens mal heiser, wenn ich zu viel gequatscht habe (lacht), krank werde ich für gewöhnlich nicht.

In deinen Kataklysm-Texten sprichst du sehr urbane Problematiken an und nicht wie in Ex Deo Heldenlegenden und ähnliches – wenn du also an die Schwierigkeiten unserer modernen Welt denkst, was ist das, was dich am meisten frustriert?

Gute Frage, ich habe großen Wert darauf gelegt, die heutige Welt ein wenig zu porträtieren und was mir dabei immer wieder massiv zu denken gibt, ist die Unsicherheit auf der ganzen Welt. Es scheint nicht einen Menschen zu geben, der keine Angst hat, kein Land, das zufrieden ist und dieses Problem wird von einigen wenigen Leuten auf dieser Welt verursacht. Unsere Führer und Leiter schreiben uns allen vor, was wir zu denken und zu fürchten haben und es wird einfach so hingenommen. Milliarden von Leuten müssen das tun, was wenige sagen, und man bekommt sogar vorgeschrieben, was man essen soll. Hauptsache in Masse produziert und billig. Wenn ich in einen Supermarkt gehe, weiß ich schon gar nicht mehr, was ich da kaufe, weil das komischste Zeug zusammengematscht wurde, nur um ein Produkt günstig zu machen und viel davon zu verkaufen – in meinem Song „Kill The Elite“ geht es dann darum, genau das zu zerstören und Leute über die Problematik aufzuklären. Ich hoffe nur, dass nicht irgendwann die Regierung wütend an meiner Tür klingelt (lacht)

Na, wer weiß, mit Ministry waren sie ja auch nicht gerade glücklich, vielleicht nehmt ihr jetzt diesen Platz als meistgefürchtetste Band ein!

Das kann man nie wissen. Weißt du, um das neue I-Phone 5 zu benutzen, musst du deinen Fingerabdruck scannen lassen und Apple hat zugegeben, dass dieser Abdruck weitergeleitet und von der Regierung gespeichert wird. Und so wird man Schritt für Schritt immer mehr kontrolliert, es sind meist nur kleine Sachen, die einem auffallen, aber diese Kleinigkeiten vermehren sich erschreckend schnell.
Trotzdem bin ich ein ziemlicher Optimist und glaube immer daran, dass alles gut und gerecht wird eines Tages…

Wirklich? So klingt deine Musik aber gar nicht… Was würdest du denn tun, wenn du merken würdest, dass die Welt tatsächlich sich dem Ende nähert und in einem Monat alles vorbei ist?

Ein Monat? Ich würde eine Möglichkeit suchen, um zu entkommen!!
Ansonsten würde ich alle Dinge tun, die ich gerne tue und meinen Freunden und der Familie sagen, dass ich sie liebe.
Nein, ich denke wir sind auf diese Welt gekommen, um Erfahrungen zu sammeln und so viel zu erleben, wie es uns in der kurzen Zeit möglich ist. Deswegen finde ich es furchtbar, wenn Menschen ohne ein Ziel oder eine Passion einfach nur vor sich hin leben und Zeit verstreichen lassen, bis sie 75 sind und sterben. Besser Dinge riskieren und erleben, statt das Leben zu verschwenden.

Perfektes Schlusswort! Vielen vielen Dank, Maurizio, für deine Zeit und das ausführliche Gespräch!

Ich habe zu danken! Du weißt, ich liebe Deutschland seit Jahrzehnten und wir können nicht erwarten, endlich zurück zu kommen. Im Januar und Februar sind bei euch etwa zehn Gigs mit Krisiun und Fleshgod Apocalypse in Planung, also kommt doch mal für ein Bier vorbei, wir würden uns wahnsinnig freuen!

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.