Annthrax

Subgenre-Bitching, oder: Was zum Geier ist Symphonic Viking Melodic Death Metal?

Das ist schon fast so was wie ein Fetisch, sagt mein Mann immer. Eine völlig überflüssige Perversität! Trotzdem bestehe ich, seitdem ich denken kann, immer darauf, alles peinlich genau in Subgenre-Bezeichnungen einzuordnen und wenn mich jemand fragt, was Band XY für einen Sound hat, dann muss ich nicht lange zögern, sondern kann das ganz genau und detailliert ausführen:

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

(Foto: Antony Swallow)

(Foto: Antony Swallow)

„Das ist Symphonic Melodic Death mit Einflüssen von Black und Old School Thrash Elementen, die Backgroundvocals schwanken jedoch ganz eindeutig zwischen Power und Gothic.“

Bitteschön, gern geschehen, will ich sagen, weil ich der Meinung bin, dass das doch alle Fragen beantwortet, stattdessen starre ich meist in eine irritierte Visage und dann folgt die mir zutiefst gefürchtete Aussage: „Also das is‘ halt Metal, oder?“
„SYMPHONIC MELODIC DEATH METAL MIT EINFLÜSSEN VON…“
„Ist doch völlig egal.“
An dem Punkt muss ich erst einmal drei Whiskey-Cola bestellen, um nicht vor Frust mit mp3s um mich zu werfen.
NEIN, DAS IST NICHT EGAL!!

Das ist, als würde Lil Bro aus dem Hood des L.A.-Ghettos zum nextbest Thug Life Plattenladen gehen, um bei der Bitch dort seine langersehnte 2Pac Scheibe zu kaufen, stattdessen aber eine LP von Johnny Cash in die Hand gedrückt kriegen, weil „der is‘ zwar nicht schwarz, aber auch schwarz angezogen und das ist ja das Gleiche, nech?“.

So wie Hip Hop und Country doch recht eindeutig auseinander zu halten sind, geht das auch mit Metal. Doch, wirklich.
Nehmen wir mal an, ihr geht in einen Plattenladen und möchtet „eine Metal-CD“ kaufen, dann liegt die Spannweite dessen, was ihr bekommen könnt, locker zwischen einer Elfenlady im Mittelalterkostüm, die euch im Sopran die Ohren abträllert, und einem amerikanischen Südstaatler ohne Hals, der eure Gedärme rausschneidet, durchfickt und dann an euren Erstgeboren verfüttert.

Um also unerwünschte Blutflecken auf dem Teppich oder Dudelsackspieler neben dem Kühlschrank zu vermeiden, sollte der Metalinteressierte sich vorweg ein wenig Zeit nehmen und in sich gehen. Schauen, ob er mehr der lederjackentragende Harley-Fahrer ist, eher auf Beethoven mit E-Gitarre steht oder vielleicht sogar bevorzugt, nachts im Mondschein mit der Axt nackte Jungfrauen zu opfern.
Um euch einen kurzen Überblick über die wichtigsten Subgenres zu geben, will ich hier schnell einmal skizzieren, woran man die unterschiedlichen Stile erkennt:

Brüllt und grunzt einer ins Mikro? Sind die Gitarren megaschnell und die Drums klingen wie Maschinengewehre? Sehr gut, dann habt ihr eine DEATH Metal-Scheibe erwischt.

Klingt es wie klassische Musik auf Speed mit einem Sänger, der die Eier in der Fahrstuhltür vergessen hat? Dann ist es POWER Metal.

Wenn es so langsam ist, dass selbst Schnecken einschlafen und ihr dabei den penetranten Drang habt, euch aufzuhängen, hört ihr vermutlich DOOM Metal – es sei denn es gibt fünfzehnminütige Gitarrensoli, dann können wir auch nochmal über PROGRESSIVE reden…

Kreischt jemand unerträglich durch seine Garage, trägt ellenlange Nietenarmbänder und wurde wie ein Pandabär angepinselt, handelt es sich unverkennbar um BLACK Metal.

Sind liebliche Frauenstimmen oder tiefes Männergehauche à la Ville Valo im Spiel, die von Liebe, Tod und Bitterkeit singen, seid ihr beim GOTHIC Metal gelandet.

 

Habt ihr das Gefühl in den Siebzigern gestrandet zu sein und haben die Herren eine Matte voller ungekochter China-Nudeln auf dem Kopf? Läuft etwas großes Grünes auf der Bühne herum? HEAVY Metal, Baby!

Klingt es einfach nur sinnlos und beschissen? Herzlich willkommen, dann habt ihr Metallicas & Lou Reeds „Lulu“ entdeckt!

Spaß beiseite, denn das ist eine ernste Sache, Freunde der Nacht! Und ich höre jetzt besser auf, bis mir einfällt, was für entscheidende Genres ich noch so vergessen habe… Nächste Woche erörtern wir dann, was Math Metal, Pornogrind und Nintendocore sind.
Und wer mich jetzt völlig auf die Palme bringen will, kann auch sagen das sei alles bloß Rock, „WEIL DAS JA MIT GITARREN GESPIELT WIRD“.

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.