Wer von der Wartburg kommend aus südlicher Richtung Eisenachs Altstadt betritt und genügend Zeit mitbringt, wird sich einen Besuch der beiden bedeutsamen Museen nicht entgehen lassen: des Luther-Hauses und des Wohnhauses der Familie Bach. Hier wird der Gast nach seinem Gang durch die Räume von der Küche des historischen Baus über eine Treppe in der gläsernen Fuge zwischen beiden Gebäuden in die Ausstellung des Neubaus geleitet. Der Raum behandelt drei Themenbereiche: Wie wir Bach sehen, Was wir von Bach wissen und Wie wir Bach spielen. Diese gruppieren sich um die zentrale Raumskulptur, das Begehbare Musikstück.

Dauerausstellung des Bach-Hauses (Bach-Haus Eisenach)

Als erstes stößt man nach dem Eintreten auf fünf hängende Sessel, die so genannten Bubble Chairs, erstmals 1968 von dem finnischen Designer Eero Aarnio entworfen. Hat man sich hineingesetzt, erklingen fünf verschiedene gut bekannte Werke Johann Sebastian Bachs, einmal als komponierender Virtuose, als phantasievoller Perfektionist, als lebendiger Lehrer, musikalischer Prediger, Verwandler und Neuschöpfer.

In der Sektion Was wir von Bach wissen steht die Bach-Forschung im Vordergrund, es geht um Biographisches, etwa in einem Artikel des Musikalischen Lexicons von Bachs Freund Johann Gottfried Walther (1732) sowie das Manuskript der Bach-Biographie von Philipp Spitta, datierbar vor 1873.

Bei dem ausgestellten Autograph, dem die gesamte Überlieferungsgeschichte beigegeben ist, handelt es sich um eine Continuo-Stimme der Kantate Alles nur nach Gottes Willen (BWV 72). Die rechte Seite des ausgestellten Blatts mit Eingangschor und Rezitativ wurde von Bachs Neffen Johann Heinrich Bach geschrieben, die Aria links von Bachs zweiter Ehefrau Anna Magdalena Bach, Schlusschoral, Über- und Unterschriften und einzelne Korrekturen von der Hand von Johann Sebastian Bach selbst stammen. Der Werk-Kommentar von Albert Schweitzer wird übrigens an einer Hörstation dazu musikalisch erläutert. So lassen sich Erkenntnisse über die Konstruktion der Satzstruktur gewinnen.  Interessant ist, dass dem Autograph auch die Rekonstruktion einer ganzen Handschrift an die Seite gestellt wird: Dem international renommierten Interpreten der Orgel- und Chorwerke Bachs, Ton Koopman, gelang die Wiederherstellung der Kantate BWV 190, komponiert auf den Neujahrstag 1724 in Leipzig.

Mancher wird sich an den Fall erinnern: Im Frühjahr 2013 war einer der Autographen von einem Schüler entwendet worden. Ein großer Verlust zunächst, beim Wert dieser Handschrift allerdings höchst unwahrscheinlich, dass es überhaupt jemandem hätte gelingen können, sie unbemerkt zu versilbern – außer vielleicht im internationalen Schwarz(auktions)handel … Doch wenige Monate später konnte – dem Direktor des Bach-Archivs Leipzig Peter Wollny sei Dank – auch wieder ein Gewinn für die Bach-Forschung verbucht werden: die auf die Zeit um 1740 datierte Stimmenabschrift von einer Missa canonica des in Rom, Bologna und Venedig wirkenden Komponisten und Pädagogen Francesco Gasparini (1661 – 1727), ganz offensichtlich für den Gebrauch an der Thomas- oder Nicolaikirche bestimmt.

Der Fund im Weissenfelser Schütz-Haus und die Zuschreibung an einen vom Kantor beauftragten Kopisten werden einige musikhistorische Ansichten korrigieren helfen: Die Bevorzugung Vivaldis als größtes italienisches Vorbild Bachs könnte hinfällig werden und der bisher ungeahnte Einfluss Gasparinis auf Werk und Kompositionsstil dürfte demnächst eingehend untersucht werden. Darüber hinaus wird durch die wichtige Entdeckung Bachs Bemühen sichtbar, diese kontrapunktisch höchst kunstvoll gebaute Messe in angemessener und d.h. auch bearbeiteter Form zu Gehör zu bringen.

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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