Selten im Konzert gehört, aber auf CDs

Mitteldeutsche Ensemblemusik im 17. Jahrhundert

Ausgehend von den Sequenzen des fränkischen Reichs, dem Choral lutherischer Prägung und kaum aufgeschriebener weltlicher instrumentaler Musik bildete sich im mitteldeutschen Raum an der Schwelle zum Zeitalter der sonata da camera eine – dank zahlreicher Fürstenhöfe und eines für Kirchenmusik aufgeschlossenen Klerus – dicht besetzte Schule spieltechnisch wie musiktheoretisch gut ausgebildeter Musiker aus. Zu den Komponisten von der Spätrenaissance bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zählen hier Namen wie Michael Praetorius (1571 – 1621), Thomas Selle (1599 – 1663), Andreas Hammerschmidt (1610 – 1675), Johann Philipp Krieger (1649 – 1725) und der junge Johann Christian Schieferdecker (1679 – 1732).  

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Stilleben mit Instrumenten und Globus (http://www.duesseldorfer-auktionshaus.planetactive.com/, 2013)

Sie alle komponierten auch Ensemblemusik, sowohl zweckgebunden für den Tanz und Konzertauftritte in Sälen, Kaffeehäusern und Gaststätten als auch für den Kirchenraum, wo die italienische sonata da chiesa ihren Ursprung hatte. Vor 1600 handelte es sich bei notierter Kammermusik häufig noch um Adaptionen weltlicher oder geistlicher Lieder, nun verselbstständigte sich die Komposition für Gruppierungen mehrerer Spieler hin zum dreisätzigen Sonatentypus, manchmal nur schwer zu unterscheiden von der Benennung eines gleichartigen Werks mit der Satzfolge schnell-langsam-schnell als concerto. Dabei überwiegt zunächst noch die Besetzung durch Violen und Violinen in Verbindung mit der Viola da gamba und dem Cembalo als Continuoinstrument, doch gibt es Beispiele, bei denen auch Bläser hinzutreten oder die Streichinstrumente ersetzen können. Im Übergang von der hoch- in die spätbarocke Epoche experimentierte Arcangelo Corelli schon mit der Gattung des concerto grosso, das für kleine wie größere Besitzungen weiterentwickelt wurde.  

Regelrechte Tanzmusik kennen wir auch von dem aus Creuzburg in Thüringen kommenden Musikgelehrten Michael Praetorius unter dem Sammeltitel Terpsichore (1602), ein rarer und unschätzbarer Fundus zum Verständnis der zeitgenössischen Musizierpraxis. Einige der hier vorgestellten Formen tauchen später, unter anderem bei Telemann und J.S. Bach, teils mit veränderten Namen wieder unter dem Dachbegriff der Suite auf. Andreas Hammerschmidt, der in Freiberg und Zittau wirkte, brachte 1636 eine vergleichbare Sammlung unter der Überschrift Erster Fleiß allerhand neuer Paduanen, Galliarden, Balletten, Mascharaden, Francoischen Arien, Courenten u. Sarabanden, 5 St. auf Violen, Generalbaß heraus. Sein Stil wurde schon von Kollegen als eingängig und leicht fasslich beschrieben, verfehlte aber seine Popularität nicht: Das Werk erlebte noch eine vierte Auflage im Jahr 1650.

In Leipzig erhielt Thomas Selle seine Ausbildung; dort könnte er als Thomaner unter Calvisius und Schein gesungen haben. Lange Zeit wirkte er ausschließlich in Schleswig-Holstein, später am Hamburger Mariendom. Auf ihn gehen drei umfangreiche Kompendien geistlicher Konzerte neben darin enthaltenen Madrigalen und Motetten zurück. Ein seltener Fall: Seine Werke sind als Nachlass aus eigener Hand vollständig überliefert! Sein jüngerer vielgereister und auf mehreren Instrumenten versierter Berufskollege Johann Philipp Krieger erhielt 1677 eine Position als Kammermusiker und Organist am Hof des Herzogs August von Sachsen-Weißenfels und wurde bald zum Vizekapellmeister ernannt. Zuvor hatte er eine langjährige Ausbildung in ganz Europa erhalten: Von Kopenhagen über Christiania, dem heutigen Oslo, gelangte er an den markgräflichen Hof nach Bayreuth, nach Rom und zum Zweck des Opernstudiums nach Venedig. Von seiner Ensemblemusik sind Sonaten für 2 Violinen (1688) sowie für Violine, Cello und basso continuo (1693) bekannt sowie verschiedene Tafelmusiken auf der Basis antiker Allegorien und die Abendmusik Die unverwandelte Daphne … (1684), komponiert anlässlich einer fürstlichen Hochzeit.

In Kriegers stilistischem Umfeld ist auch der aus Teuchern bei Weißenfels stammende Organist und Kirchenmusiker Johann Christian Schieferdecker zu suchen, der an der Leipziger Universität studierte, aber bald von keinem Geringerem als dem Opernkomponisten Reinhard Keiser als Cembalist an das Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt geholt wurde und 1707 in Lübeck Diderik Buxtehudes Nachfolge antrat. Leider ist nicht viel Instrumentalmusik von ihm für mehrere Instrumente erhalten: Verdienstvollerweise nahm sich die Hamburger Dirigentin Simone Eckert dieses Erbes an und spielte für das Carus-Label mit ihrem Ensemble Hamburger Ratsmusik einen Teil seiner Suiten unter dem Titel Geistliche Concerte ein (Carus 83.398, 2012).

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.