Kathrins kontemporäre Kultur-Kolumne

Früher war alles besser, vor allem die Musik

Mal ehrlich, früher haben Musiker noch Musik gemacht. Heute gibt es nur noch Musikprodukte. Und wer ist schuld: die Technik! Erst die hat solche musikalischen Entgleisungen wie Techno möglich gemacht und zaubert aus talentfreien, austauschbaren Casting-Marionetten „Stars“ mit makellosen Stimmen und unsichtbarer Band.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Früher war Musik viel besser / Grafik: Kathrin Tschorn

Früher war Musik viel besser / Grafik: Kathrin Tschorn

Ich war neulich auf einem Konzert von Fleetwood Mac in der Berliner O2 World. Alle Bandmitglieder sind mittlerweile über 60, aber anstatt mich als Halbsoalte über die lahme Musik meiner Mütter und Väter zu beschweren, konnte ich die ganze Zeit nur daran denken, dass ich offensichtlich im falschen Jahrzehnt geboren wurde. Für mich gab es nur noch eine (deutsche) Restwelle 80er und den fragwürdigen Mix der 90er – von Boygroups und Girlpower hin zu Spaß-Techno und Loveparade.

Musikalischer Eklektizismus

Zu Hause wurde ich allerdings ganz anders erzogen: Mit starken Frauen (Jennifer Rush und Ina Deter), Musiklegenden (Santana), Klassik – das fand ich als Kind gar nicht so toll – und Jazz (Louis Armstrong und Duke Ellington). Vielleicht ist das heute der Grund, warum ich mich ungern auf ein Lieblingsgenre festlege. Am liebsten ist mir die Musik, bei der der Künstler – ja, ein richtiger Künstler musikalischer Ausrichtung – über den Tellerrand hinausblickt und sich aus anderen Bereichen bedient. Eklektische Musik sozusagen – natürlich nicht im Sinne von Unoriginalität, sondern als Bestes aus allem. Oder auch Mixed Genre.

Früher war mehr Lametta

Aber gerade im weiten Feld Rock/Pop ist vieles einfach beliebig geworden. Früher haben Musiker noch Instrumente gespielt – ja, spielen müssen –, denn wo sollte sonst die Musik herkommen? Man muss ja nicht einmal mehr singen können. Heute kann das ein Computer machen und seit den 80ern, seit dem Siegeszug der Einsen und Nullen, macht er das auch vermehrt. Grund genug, der Technik die Schuld in die Schuhe zu schieben. Mag sein, dass die Technik so etwas wie Techno ermöglicht hat – eine Musikrichtung, die ich nie wirklich verstanden habe.

Die Technik ist schuld

Aber liegt das wirklich an der Technik? Während der Übergangzeit zwischen Jazz und Populärmusik hat Les Paul bereits mit Mehrspurtonrekordern gearbeitet. Das war damals der letzte Schrei, das Halleluja der modernen Technik. Erst dadurch waren seine genialen Aufnahmen wie „How High The Moon“ möglich – das war übrigens der erste Song, den die Beatles gemeinsam gespielt haben; Genies ziehen offensichtlich andere Genies an. Aber war die Musik gleich schlechter, weil Technik im Spiel war? Nein, im Gegenteil. Les Pauls Fortschrittlichkeit hat einen enormen Beitrag zur Weiterentwicklung der Musik, nicht zuletzt der E-Gitarren geleistet. Die legendäre Gibson Les Paul wird bis heute hergestellt.

I hate Schlager

Technik muss also in keinem Widerspruch zu Talent und Können stehen. Aber warum um Himmels willen – im Namen von Hendrix, Joplin und Armstrong – tut sie es dennoch so oft? Ich bin es leid, diese gecasteten „Stars“ hören zu müssen, mit ihren technisch angeglichenen Stimmen und der Konservenmusik. Und ich leiste Abbitte: Habe ich vorhin noch Techno verflucht, sollten wir lieber mal über die Konservenmusikwelt und Mikrofonlosigkeit des modernen deutschen Schlagers reden…

Was sagt ihr, war früher alles besser?

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Kathrin Tschorn

Kathrin Tschorn | Freiberufliche Musikredakteurin und Lektorin, beheimatet in Berlin. Stets Musik aus den Bereichen Pop, Rock, Indie, Jazz sowie allem dazwischen auf den Ohren und eine Tastatur unter den Fingern.