Noch immer Weltschmerz - A feast of consequences

Neues Album – Ex-Marillion Fish und die Konsequenzen

Wir befinden uns im Krieg. Jeder von uns. Jeden Tag. Die Kugeln pfeifen uns um die Ohren, um uns explodiert die Landschaft, in den Häusern liegen Verletzte und Leichen pflastern unseren Weg. Ist hier von einer Doom-Metal-Platte die Rede und ich habe die Überschrift falsch editiert? Nein – ich spreche tatsächlich vom engagierten, neuen Album des Ex-Marillion-Sängers Fish – und keine Angst, er ist nicht auf Gothic umgestiegen sondern bleibt der Eingängigkeit des Progressiv bzw. Melody Rock und seiner gesungenen Prosa treu. Obwohl die Gestaltung des Albums und die Texte auch so mancher Band aus der Gruft Ehre machen würde . Aber ….

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Quelle: Subsounds Pressekit m.f.Genehm.

Quelle: Subsounds Pressekit m.f.Genehm.

Melody Rock ist Fish
und daran hat sich nichts geändert. Zu meinen Teenie-Zeiten hatte er noch Haare , eine rote Ausgehuniform, sang als Stimme von Marillion vor Millionenpublikum mit schottischen Akzent und ich lauschte seiner Tragik mit all dem pubertären Weltschmerz, der uns Youngstern zu Kaltkriegszeiten das Hasenherzchen zu Mus zerquetschte. Uhh – war das herrlich mitzufühl(sing)en „My childhood, my misplaced childhood ….“ Wie ist doch die Welt so grausam, dachte man, und niemand traute sich: „Heul doch!“ zu rufen. Weil ja alle sich so fühlten – oder es sollten. Damals steckte ich noch unter Kopfhörern, um meine Ma nicht mit runterzuziehen, heute musste meine Endstufe herhalten: Raumfüllend, einsam und konzentriert – so hört der Kenner Melody-Rock, um ja keinen Satz der Gesamtgeschichte zu verpassen, sowohl im Wort- als auch im musikalischen Sinne. Und ja, summa summarum hört sich Feast of Consequences an, wie ein verschollenes Marillion-Album und das ist gar nicht schlimm.

Celtic, Scotch und Melody
Mit einem Dudelsacksolo beginnt es und bei den ersten Takten der Band fühlt man sich, als wäre man auf einem Jahrmarkt, wo sich Fish mit den ortsansässigen Folkloristen verbündet hat. Man bleibt stehen, setzt sich auf die Klappstühle vor der Bühne, mit dem Duft von Fish and Chips, Ale, Candy und Scones in der Nase  und hört zu, hört zu, hört zu. Weil die Musik so schön und der Text so wahr ist. Und weil der Sänger – yeah – endlich aufgehört hat, bei druckvolleren Passagen seine schöne Bariton-Stimme trotzig in den Tenor hinein zu knödeln, sondern plötzlich jazzig  und sauber klingt – allen Gesangslehrern zum Gefallen. Und dann – plötzlich – gibt es ab „High Wood“ zur Mitte des Albums hin wieder diese extraordinär schönen Harmonien, die dem musikalischen Ohr mal so richtig gut tun. Streicher, Bläser, Trommler und eine Leadgitarre, die so sauber runterspielt, als wäre eine E-Seite eine Klaviatur.

Immer und noch immer
„Immer“ ist das Schlagwort dieses Albums. Fishs persönliches Fest der Konsequenzen zeigt vor allem eins: Einen konsequenten Musiker. Noch immer beginnt der Schotte seine Balladen nur mit Akustik-Gitarre und sanftem Bass-Rhythmus, noch immer dominiert sein Gesang alle anderen Tonelemente, so keltisch, rockig oder melodisch sie auch sein mögen. Und seltsamerweise kann ich ihn noch immer nachvollziehen, schaue bewegt, sogar aufgewühlt ins Herbstwetter und lasse die Musik mal so richtig in meine Seele. Ja, ja, ja – unendlich retro, ich weiß. Aber das Album ist eine Erholung  von Dubs und Pitch, von medialen Konserven und musikalischen Konformen, von den Fast-Food-Rhythmen der Casting Sternchen. Melody-Rock lebt und ich möchte wieder Müsli-Kekse essen und eine Friedensdemo organisieren. Ich bin idealistisch und sensibilisiert. Immer. Fish auch. Wow!

Die Kreuzigung um die Ecke
Der beste Song des Albums ist meiner Meinung nach „Crucifix Corner“. Der Song hat den besten Marschrhythmus seit „The Wall“ und bringt seinen Text so plakativ und unausweichlich herüber, dass man Gänsehaut bekommen und behalten könnte. Wäre da nicht nach all den leider so wahren Anklagen und Lamenti eines Aufmerksammachers und Schmerzausdrückers der Schluss des Albums. Die Lösung aller Probleme kann auch Fish ebensowenig neu erfinden, wie alle Musiker, Dichter, Poeten, Barden vor ihm, aber wahr ist sie doch und gibt uns Weltverstehern das Fanal zurück und mit auf den Weg:

Love brings us closer to carry us forward …

Wenn Konsequenzen schmerzen und Konsequenz nicht mehr hiflt, trägt uns am Ende ja doch nur die Liebe durch den Schmerz … na klar! Wissen wir! Aber es ist schön, es ab und zu gesagt zu bekommen.  Mein konsequentes Fazit: Ein Fest für Fans und alle anderen Idealisten!

VÖ: 25.10.2013
zu bestellen exclusiv hier: Fish-Shop

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.