„Intime Monologe erzählen, was er wirklich über das Leben dachte“

Am 8. März trieb der lettische Dirigent Andris Nelsons die Berliner Philharmoniker zu einem berauschenden Konzert an. Es wurde europaweit in über 100 Kinos live übertragen. Die brillante Technik und aufwändige Produktion setzte höchste Maßstäbe: aus den Aufnahmen von sechs HD-Kameras wählten sieben Regisseure blitzschnell mit Hilfe der Partitur die stimmigste Einstellung aus – damit der Zuschauer auch sieht, wer „den Ton angibt“. Das Kino-Konzert zeigte die Dramatik symphonischer Musik und wie intensiv das Orchester für diese Meisterleistung zusammenarbeitet.

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Großartiger Hauptdarsteller: Der Dirigent Andris Nelsons

Spitzen Hauptdarsteller: Dirigent Andris Nelsons  © Marco Borggreve

Im Berliner Konzerthaus sind es Sitzplätze der „Super-Perspektive“: auf dem Podium direkt hinter dem Spitzenorchester mit Blick auf den Dirigenten. Hier wird der Konzertbesucher mit den Gesten und Einsätzen mitgerissen und sieht die Mimik so, wie sie sonst nur die Orchestermusiker erleben können. Selbstverständlich filmt auch aus diesem Blickwinkel eine Kamera – und so kann der Kinobesucher „hautnah“ miterleben, wie der „Hauptdarsteller“ leidenschaftlich in die Musik eintaucht und das Orchester dabei präzise führt.

„Man hört der Musik die Mimik der Verursacher nicht immer an!“ Mit solchen Sätzen wurden die „Kinosaurier“ von Klaus Wallendorfer, einem Hornisten des Orchesters, gekonnt schwungvoll auf das Konzert eingestimmt. Und dann war die Mimik der Musiker auf großer Leinwand deutlich zu sehen! Dazu ihr Zusammenspiel, wenn beispielsweise der Solo-Flötist seinen Einsatz vom Dirigenten „zugeworfen“ bekam – jedenfalls wirkten so die unmittelbar aufeinander folgenden Großaufnahmen der beiden Musiker. Und der Solist spielt eine der Passagen, die dem Publikum zuvor angekündigt wurden: „Was Schostakowitsch wirklich über das Leben dachte, davon erzählen diese intimen Monologe von Englischhorn, Flöte oder Fagott.“

Andris Nelsons führte in der Pause sehr persönlich durch das Programm und erzählte dabei auch, was ihn an der Musik fasziniert und für sein Leben geprägt hat. In der Symphonie von Schostakowitsch sieht er groteske Passagen, in denen der Komponist Ironie und Sarkasmus „fast schon masochistisch“ einsetzt und er bekennt: diese Musik „tut fast schon weh“. Die Leichtigkeit interpretiert er als eine Tarnung und verweist auf die Umstände, unter denen der russische Komponist die Symphonie 1939 schrieb und was (zumindest teilweise) in ähnlicher Weise von seinen Werken gefordert wurde: „Die alten sowjetischen Filme sind voller lachender Menschen. Auch die Soldaten lachen, alle sind übertrieben fröhlich.“

Diesen lebhaften Scherzo-Satz dirigiert er mit einer mitreissenden Präsenz und „tanzt“ geradezu am Pult – was steckt da alles im zweiten der drei Sätze der Symphonie Nr. 6 (h-moll), dass die Musiker und ihr Publikum mitreissen kann? Und in den anderen Sätzen und Werken?

Die Symphonie Nr. 33 (B-Dur) von Wolfgang Amadeus Mozart war in kleiner Besetzung sehr fein strukturiert und „durchsichtig“ gespielt worden – ganz im Kontrast dazu „überrumpelte“ die Ouvertüre zu Tannhäuser von Richard Wagner mit breitem und „fleischigem“ Ton. Ein zweites Thema war dann ebenfalls graziler – die Musik stellt den Kampf des Fleisches mit dem Geist sehr anschaulich dar.

Wagners Musik wird teilweise höchst verehrt oder auch stark abgelehnt – doch ihr ist zumindest sehr hoch anzurechnen, dass sie den damals fünfjährigen Andris Nelsons derartig packen konnte (und er bezeichnet sich immer noch als „besessen“ von ihr), dass er als Dirigent und „Hauptdarsteller“ zusammen mit den Berliner Philharmonikern vom Konzertpublikum frenetischen Applaus und laute „Bravo“-Rufe bekommt.

Und auch im Kino wurde geklatscht! Hier sitzt ja quasi jeder Zuschauer auf dem faszinierenden Podiumsplatz hinter dem Orchester und bekommt zudem noch Einblicke aus ganz anderen Perspektiven. Dabei ist auch die Qualität der Tonübertragung von höchster Qualität – doch meiner Ansicht nach lässt sich trotzdem das „gewisse Etwas“ des direkten Konzertbesuches nicht ganz übertragen.

Die nächste Möglichkeit zum Kino-Konzert mit den Berliner Philharmonikern gibt es am 19. Mai. Doch dies wird nochmals ausführlicher angekündigt…

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Über Matthias Berg

"Startphase" mit Praktikum bei der taz und Studium in Hamburg & Bonn (Geographie & Journalistik). Arbeitet freiberuflich in Kiel und kreuzt dabei leidenschaftlich gerne mit Cello oder Segelschiff über Musik- & Meereswellen.