"Gesang der Jünglinge"

Aufbruch der Moderne beim NOW! Festival in Essen

Karlheinz Stockhausen (gestorben 2007) ist im Bewusstsein vieler  einer der medial präsentesten Vertreter zeitgenössischer Musik. Und das mit seiner ganzen Familie und über  Jahre. Wer sich solange in den „Charts“ der verschworenen Avantgardemusik-Szene halten kann, hat nicht nur quasi historische Verdienste erworben, sondern wirkt bis heute nach. Auf den  „Gesang der Jünglinge“ ein Stück das gänzlich auf Live-Personal verzichtet, trifft das allemal zu. Denn als es am 2.Juni 1956 mit verschiedenen Lautsprecherboxen als einzigen sichtbaren Geräten ausgestrahlt wurde, kein menschliches Wesen zu sehen, nur zu hören blieb, war der Skandal perfekt. Entstanden im Kölner Studio für elektronische Musik des WDR, blieben die „Jünglinge“ eines der meist umstrittenen, aber auch bekanntesten Werke der neuen Musikliteratur.

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Karlheinz Stockhausen 1993 (© Klaus Rudolph)

Karlheinz Stockhausen 1993 (© Klaus Rudolph)

Beim ersten Wieder-Hören ging mir durch den Kopf: Was für eine gigantische neue Entwicklung die Musik in den letzten Jahren genommen hat! Denn nahezu alles, was an diesem Stück einmal neu und verstörend war, gehört inzwischen zum Alltag der Hörgewohnheiten. Doch je länger im abgedunkelten Saal der Kölner Philharmonie das Stück seinen Fortgang nahm, umso leichter wurde es, den nicht an Zeit gebundenen Gehalt herausfiltern zu können. Und das Ergebnis war, dass dieser verfremdete Gesang einer elfjährigen Jungenstimme quer durch die Zeit erschütterte und berührte. Stockhausens Absicht, „gesungene Töne mit elektronisch erzeugten in Einklang zu bringen“, ging an diesem frühen Abend voll auf. Die Bedeutung Stockhausens für die neue Musikgeschichte zeigte sich erneut und sehr lebendig. Das nun folgende skurrile Zwischen- und Wechselspiel zwischen Kontrabassklarinette und menschlich anwesendem Solisten in Gestalt von Carl Rosman nannte sich „Interference“ und stammte von Richard Barett. Und viel mehr als ein einigermaßen kurioses Zwischenspiel war es auch nicht. Wenn als Haupterkenntnis bleibt, es gebe wenig Geräusche und Töne, die eine Bassklarinette nicht hervorbringen kann, ist mir das eindeutig zu wenig. Vor allem im Gegensatz zum nächsten Programmpunkt: Denn der gebürtige Mexikaner James Tenney war in diesem Konzert mit „Form 2 – In Memoriam John Cage“  ebenfalls vertreten . Wieder arbeitet er mit Raumklängen: an vier Stationen platziert, bildeten die Musiker Eckpfeiler von Klängen.

Ensemble musikFabrik  (@ Klaus Rudolph)

Ensemble musikFabrik
(@ Klaus Rudolph)

Doch diese Komposition vermochte sich in dem  riesigen Konzertsaal ebenso wie nur wenige Stunden vorher im  vergleichsweise kleinen RWE Pavillon zu behaupten. Funktioniert hat es in beiden Fällen. Dies lag mit Sicherheit an dem Ensemble musikFabrik, das  souverän die freien Gestaltungsmöglichkeiten der Partitur perfekt nutzte. Wahrscheinlich hätte John Cage seine helle Freude daran gehabt. Hier gab es großen Applaus, und dieses Stück konnte mühelos auch neben Rebecca Saunders „Stasis“ und dem genannten Stockhausen bestehen. Auf den weiteren Fortgang des Festivals darf man begründet gespannt sein. Erfreulicherweise war man auch nicht unter sich. Das Festival war bei beiden Konzerten gut besucht.

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