Celeste - Tour mit neuem Album

Animalische Verzweiflung im Mitmenschlichen

Auf das Bochumer Label Denovali ist Verlass: Wenn schon im weitesten Sinne „Metal“ auf dem Programm steht, dann aber „expressionistic, sophisticated, evolved, overflowing, pitch-black“ – soweit die Attribute, mit denen das Label den jüngsten Output der von ihm betreuten Band Celeste beschreibt: Plakative, zugleich zutreffende und doch hilflose Versuche, die Musik der französischen Ausnahmeband in Worte zu fassen, einer Musik, die einen mundtot machen könnte, so der lange Atem des Rezensenten nicht genügt, um sich nach dem wiederholten Genuss des abgründigen Sound-Infernos von „Animale(s)“ noch etwas Luft zu verschaffen.

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Celeste Animale(s) Cover (Denovali)

Celeste Animale(s) Cover (Denovali)

Celeste aus Lyon. Schon mal gehört? Das sind diese Extrem-Metaller, die auf ihren Konzerten (die prinzipiell nicht länger als dreißig Minuten dauern, da diese, laut eigener Aussage, „länger nicht auszuhalten wären“) als Markenzeichen dem Bergbau entliehene Grubenlampen um die Stirn zu tragen pflegen (sieht natürlich sehr gut aus!).
Ja, auch aufs Visuelle verstehen sich Celeste wie kaum eine zweite Band ihres Genres. Das Artwork von „Animale(s)“ besticht durch große (Portrait-) Fotokunst und einem gleichfalls erhabenen Typesetting, das auch vonnöten ist, um die poetische Dimension dieses Meilensteins der Metal-Historie begreifen zu können.

Tracktitel wie „Sans crainte de s’avouer un jour naufragée“ oder „Serres comme son coeur lacéré“ dürften selbst frankophile Poesie-Experten vor interessante Probleme stellen, dabei lässt sich die Story des Konzeptalbums zunächst auf den Plot von „Romeo und Julia“ reduzieren. Zwei junge Liebende, die mehr an sich selbst, denn aneinander zweifeln, werden durch die Kaltherzigkeit ihrer Altvorderen (und der Gesellschaft, klar) erst auseinander und dann in den Tod getrieben. Die Wiederbelebung des an sich obsoleten Dramenstoffs gelingt Celeste anhand unerhört an Bach geschulten Melodieführungen, die, Riff auf Riff geschichtet, eine Ahnung von dem vermitteln, wie eine junge Liebe an den Zwängen des Spätkapitalismus zu leiden hat.

Celeste Animale(s) 2 (Denovali)

Celeste Animale(s) 2 (Denovali)

Celeste bedienen keine Klischees. Und erst recht nicht die, mit denen das Genre des Black Metals gemeinhin hantiert. Hier wird nicht der Misanthropie gehuldigt, hier spielen pubertäre Allmachtsphantasien keine einzige Note. Hier wird das zutiefst menschliche Bedürfnis nach unanfechtbarer Nähe sowie deren, systemisch bedingt, gnadenlose Annihilation beschrieben. Wer jetzt noch kräht, es ergebe keinen Sinn, die lyrische Qualität des Gebotenen im Geschrei zur Unkenntlichkeit zu entstellen, hat den Schuss nicht gehört (geschweige denn das Doppelalbum in voller Länge – und zwar sehr sehr laut!).

Vielfach brüstet sich der extreme, sicher auch der „schwarze“ Metal damit, eine Eiseskälte zu stiften. Bei Celeste, wie auch bei anderen „Meistern“ ihres Fachs, wie etwa Satyricon, stellt sich statt der bemühten Kälte die Wahrnehmung eines gleißenden Lichts ein. Je länger die Verzerrung eines Akkords gehalten wird, wähnt sich der (unvoreingenommene) Hörer, Zeuge (s)einer Nahtoderfahrung zu werden, wo das Licht am Ende des Tunnels die Verheißung auf Erlösung zeitigt.

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