Herbst der Farben

Simon Rattle und „seine“ Philharmoniker umfassen Prokofjew und Schumann

Nach der gewaltigen Besetzung und dem beinahe orchestralen Overkill der „Gurrelieder“ zeigt Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern seine Stärken auch in den weniger ausladenden symphonischen Formen. Gleich zweimal Schumann stand auf dem Programm des Konzertes am Samstag; zwei Symphonien umrahmten Prokofjews Konzert für Violine und Orchester, D-Dur, Opus 19. Der amtierende Konzertmeister der Philharmoniker, Daishin Kashimoto, trat als Solist vor „sein“ Orchester, und lieferte durchweg eine spannende, subtil durchformte Interpretation des Werkes, das sich nach Kriterien der musikalischen Romantik ausrichtet, ohne wirklich romantisch zu sein.

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Daishin Kashimoto gestaltete das Violinkonzert von Prokofjew(© Matthias Creutziger)

Daishin Kashimoto gestaltete das Violinkonzert von Prokofjew(© Matthias Creutziger)

Aber beginnen wir bei Schumanns Sinfonie Nr.4, d-Moll, das für mich interessantere Werk des Abends. Die Sinfonie in der Urfassung von 1841 ist kein beruhigendes Stück. Es scheint, als versuche Schumann immer wieder in die harmonische Diktion der fast zeitgleich entstandenen „Frühlingssinfonie“ zu verfallen, dann besinnt er sich eines anderen und lässt Brüche, Abgründe, zögernde Ungewissheiten in seiner Musik aufleben. Und ist damit, bildlich gesprochen. Bei Simon Rattle gerade an der richtigen Adresse. Denn Rattle lässt in keinem Moment ein Darüber-Huschen über die nicht so romantisch-harmonisch klingenden Oberflächen zu. Mit großen Unterschieden in den Tempi verschafft er dem Sprunghaften, Unruhigen, dem maximal „Unentspannten“ in der Musik ergreifend Gehör. Man bekam sofort Lust, sich mit der Symphonie in der gespielten Fassung ausführlich zu beschäftigen. Nun folgte das solistische „Meisterstück“ des Abends:  Sergej Prokofjews Violinkonzert in D-Dur op.19. Das Werk, zwischen 1917 und 1919 entstanden, scheint bei nur oberflächlichem Hören dem Klassizismus zu huldigen. Aber weit gefehlt; es wirkt über weite Strecken wie in Vorwand, klassische Zitate, Formen und Harmonie aufzulösen und,  wenn schon nicht zu zerbrechen, so doch  Zweifel zu säen. Daishin Kashimoto, seit einigen Jahren erster Konzertmeister der Philharmoniker, zeigte hier sein Können als Solist. Nach einem, wie mir schien, sehr schnellen und auch angespannten Beginn, einer Hektik, die den ersten Satz dominierte, begann im zweiten dann eine exquisite, genaue und dynamisch vielfältige Abstufung der musikalischen Zwiegespräche besonders zwischen Violine, Oboe, Klarinette und Harfe.

Simon Rattler und die Berliner Philharmoniker  (Foto: Monika Rittershaus)

Simon Rattler und die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Dies setzte sich im 3.Satz fort; Solist und Orchester hatten zu einer eigenen, gemeinsamen Sprache gefunden; musikalisch „zimmerte“ es hier und da schon gewaltig: Wieder einmal war zu bemerken, wie viel die amerikanische Filmmusik bis heute den Komponisten des frühen 20.Jahrhunderts zu verdanken hat. In jedem Fall aber war es eine großartige solistische Leistung. Simon Rattle führte Solist und Orchester bis zum leise ausklingenden Finale des 3.Satzes vorsichtig und ausgesprochen zurückgenommen, Er überließ den Glanz hier seinem Konzertmeister, der mit seiner Interpretation überzeugen konnte. Der herzliche Beifall von Publikum und Kollegen wurde auch mit einer Zugabe belohnt. Nach der Pause folgte dann noch Schumanns „Frühlingssinfonie“, die Simon Rattle fast geniesserisch locker zelebrierte. Das nächste Wiedersehen mit diesem Ausnahmeorchester und Dirigenten wird auf der kommenden Ostasien-Tournee stattfinden.

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