Blues meets Hard-Rock

Album-Review: Leslie West – Still Climbing

Kaum jemand auf diesem Planeten hat mehr Erfahrung im Musikgeschäft als Leslie West. Er stand mit seiner Band Mountain schon 1969 in Woodstock auf der Bühne. Jetzt hat der Blues- und Hardrocker sein 16tes Solo-Album „Still Climbing“ veröffentlicht. Wir haben bereits reingehört.

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Urgestein Leslie West bringt sein 16tes Studioalbum an den Start. (Bild: Provogue Records / Mascot Label Group)

Urgestein Leslie West bringt sein 16tes Studioalbum an den Start. (Bild: Provogue Records / Mascot Label Group)

Wenige Musiker mussten aber auch solche Schicksalsschläge hinnehmen wie West: 2011 haben ihm die Ärzte wegen ernster Komplikationen mit seiner Diabetes-Erkrankung ein Bein amputiert. Doch wo andere Musiker die Karriere an den Nagel gehängt hätten, steckte Leslie West nicht auf und machte weiter. „Es war ein harter Kampf und nach der Amputation wusste ich nicht, ob ich jemals wieder auftreten könnte oder das überhaupt wollte. Einen Monat später jedoch spielte ich beim Rock’n‘ Roll Fantasy Camp in New York, hörte meine Gitarre auf der Bühne und das war‘s. Ich wusste, ich musste weitermachen!“, so der Künstler. Dass er musikalisch nichts eingebüßt hat, zeigt das neue Album „Still Climbing“, das er nun pünktlich zu seinem 68sten Geburtstag veröffentlicht hat.

Und er hat wie bei der Vorgängerscheibe jemand mitgebracht: Bei fünf der elf Nummern geben sich Gastmusiker die Ehre. Mit dabei sind unter anderem altgediente Rocker wie Johnny Winter, Mark Tremonti (Alter Bridge, Creed) und Dee Snider (Twisted Sister). Und gemeinsam mit Jonny Lang hat West sogar eine recht ordentlich Coverversion von When a Man Loves a Woman auf die Scheibe gezaubert.

Geballte Erfahrung: Leslie West. (Bild: Justin Borucki)

Geballte Erfahrung: Leslie West. (Bild: Justin Borucki)

Der Sound des Openers Dying Since the Day I was Born versetzt den Hörer gefühlsmäßig gleichsam in ein Cadillac Cabrio oder auf eine Harley irgendwo an der Westküste, der warme Fahrtwind streicht durch die Haare, man lebt den Spirit – und genießt den Bluesrock dazu…

Eine echtes Highlight ist die wunderschöne Halbballade Fade Into You, und beim getragenen, deutlich bluesigen Not Over You At All bereichert sogar ein Saxophon das Ensemble.

Immer wieder wechseln sich nachdenkliche, schmerzgeprägte Nummern wie die tolle Ballade Tales of Woe und Not Over You at All ab mit lebensfrohen Bluesrock- und Hardrocknummern wie Feeling Good oder dem eher anstrengenden Hatfield or McCoy. Und das herrlich groovende Don’t Ever Let Me Go nimmt sogar die einen oder anderen Anleihen bei den Altrockern Jethro Tull.

Geprägt wird die Scheibe von Wests markanter, bluesiger Reibeisenstimme. Sie verleiht der Musik genau den rotzigen, schnodderigen Charakter, der sie so mitreißend macht. Gemeinsam mit der hervorragenden Gitarrenarbeit, die stets zwischen Blues und Hardrock hin- und herpendelt. Wer auf E-Gitarren-lastigen Rock’n’Roll, Blues, Bluesrock und Hardrock steht, findet hier feinstes Futter für die soundhungrigen Gehörgänge. Und allen, die gern neue Stilrichtungen entdecken möchten, sei die Scheibe als Einstiegsdroge dringendst empfohlen. Wermutstropfen? Allenfalls die magere Spielzeit von gut 41 Minuten, denn von diesem Material kann man nicht genug bekommen. Totalausfall ist einzig das äußerst kurze Outro. Da serviert West nämlich die drölfzigtausenste Instrumental-Version von Somewhere Over the Rainbow.

Wer über Soundcloud reinhören möchte, klickt hier.

Tracklist:

Dyin‘ Since The Day I Was Born (feat. Mark Tremonti)
Busted, Disgusted or Dead (feat. Johnny Winter)
Fade Into You
Not Over You At All
Tales Of Woe
Feeling Good (feat. Dee Snider)
Hatfield or McCoy
When a Man Loves a Woman (feat. Jonny Lang)
Long Red
Don’t Ever Let Me Go (feat. Dylan Rose)
Rev Jones Time [Somewhere over the Rainbow]

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Über Thomas Mendle

Freier Journalist und Autor. Lebt nach Zwischenstationen in Tübingen, Phoenix/Arizona und Bonn in Düsseldorf und arbeitet für mehrere große Tageszeitungen sowie für die dpa. Rock, Hard Rock und Heavy Metal gehören ebenso zu seinen Spezialgebieten wie Auto und Motorrad.