Der Antichrist

Rock & Crime: Der Fall Adam „Nergal“ Darski

Metal und Rock als Wurzel allen Bösen und Mitursache für Mord und Totschlag scheint mancherorts ein gern genommener Vorwand zu sein, um sich das Fehlverhalten von Mitmenschen zu erklären. Es gilt auch nicht als neu, dass so manch prominenter Musiker bereits selbst mit dem Gesetz in Konflikt kam und sich vor Gericht wegen diverser Vergehen verantworten musste. Stellenweise scheint es sogar zum guten Ton zugehören, das Böse Buben-Krawall-Image zu hegen und pflegen und sei es nur mit einer Prügelei im Suff oder der Verwüstung der Hotel-Suite.

Sitzen Rockstars tatsächlich auf der Anklagebank, nimmt das Ganze komplett andere Dimensionen an – getreu dem erhobenen Zeigefinger „Hatten wir es nicht schon immer gesagt, die Brut ist böse und gemein“. Jedoch lässt die kriminelle Energie der harten Musikanten kein klares Muster erkennen: Drogen, Körperverletzung und Mord stehen zwar immer noch ganz weit oben im Strafregister, aber der ein oder andere Musiker leistet sich dann doch weitaus kreativere Vergehen, um ein paar Jährchen hinter Gittern zu riskieren.

Die Amusio-Reihe „Rock & Crime“ beschäftigt sich genau mit dieser Thematik, rollt etliche Verfahren neu auf und wirft einen Blick in die Strafakten bekannter Rock- und Metalgrößen.

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Rock & Crime Amusio-Serie

Musik vor Gericht: „Rock & Crime“
(Design: Mick Baltes)

Vorreiter der neuen Amusio-Serie ist Behemoth Sänger Adam „Nergal“ Darski. Der Death Metaller machte sich in seiner Heimat Polen als Antichrist und Bibelvernichter einen weitreichenden Namen.

Im Jahre 2007 nahm seine lange Odyssee vor Gericht die Fahrt auf. Den Stein ins Rollen brachte damals ein Konzert in seiner Heimatstadt Gdynia. Während der Show zerriss Nergal eine Bibel auf der Bühne und bezeichnete die Katholische Kirche als „möderischste Sekte des Planeten“. Die losen Blätter der Bibel warf er daraufhin mit den Worten „Fresst die Scheiße!“ ins Publikum.

Die erzkonservativen Sittenwächter Polens ließen solch eine Titulierung nicht auf sich sitzen und reichten Klage wegen der „Verletzung religiöser Gefühle“ ein. Weiterhin legten sie gegen die komplette Band Beschwerde wegen „Förderung des Satanismus“ ein. Da es nach polnischem Recht aber mindestens zwei Beanstandungen benötigt, um den Fall letztendlich vor Gericht zu bringen, blieb es anfangs bei einer bloßen Anhörung. Behemoth-Chef Nergal argumentierte, dass das Zerreißen der Bibel lediglich ein Teil der Bühnenshow gewesen sei und deshalb als Akt künstlerischer Freiheit bewertet werden müsse. Es sei weder die Absicht der Band, noch seine eigene, die Gefühle eines Christen und dessen Glauben in irgendeiner Weise zu verletzen. Ein Urteil blieb aus.

2010 bekam dann der ehemalige Parlamentsabgeordnete und jetzige Vorsitzende des „Allpolnischen Komitees zur Verteidigung gegen Sekten“ Ryszard Nowak Aufnahmen von Darskis Bibelschändung zu Gesicht. Folge: Eine erneute Anzeige wegen „Verletzung religiöser Gefühle und persönlicher Güter“. Parlamentarier der rechtsklerikalen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) schlossen sich dem Vorwurf an.

Im März 2010 wurde der Fall Adam Darski ein erstes Mal vor Gericht verhandelt, im Falle eines Schuldspruchs drohten dem Sänger bis zu zwei Jahre Haft. Doch zu einer Verurteilung sollte es auch dieses Mal nicht kommen, das Gericht wies die Klage ab. Die Richter werteten das Verhalten auf der Bühne nicht als Verbrechen und konnten darin auch keine Verletzung religiöser Gefühle feststellen.

 „Ich bin froh, dass der Intellekt gegen den religiösen Fanatismus in meinem Land gewonnen hat – auch wenn es noch immer sehr viel zu tun gibt, um alles ins rechte Licht zu rücken. Ich bin aber sicher, auf dem richtigen Pfad zu ultimativer Freiheit zu sein. Eine Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg geht weiter“, so Adam „Nergal“ Darski.

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Über Agnes Berndanner

Agnes Berndanner | Freie Musikjournalistin. Geboren in Weißenburg i. Bay., derzeit beheimatet in Mannheim. Studium der Theater-, Musiktheater- und Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth. Zu jeder Situation den passenden Soundtrack, doch zu Hause fühlt sie sich in den musikalischen Extremen.