Annthrax

EBM oder „Boah, kannste nich‘ lieber Wassereis verkaufen?“

In dem meisten Fällen definiert sich eine Subkultur über einigermaßen uniforme Musik. Ein paar Leute, ein paar recht einheitliche Geschmäcker. Da existieren hier und da sicherlich Präferenzen und Ausreißer, doch die Chance, dass auf einer Skater-Party plötzlich ganz laut Mozart gespielt wird, ist doch eher gering.
Bei den Gruftis nicht. Da hat man gerade im pissenden Regen seine Bratwurst auf den Grill geworfen, sich aus dem 300-Tacken-teuren viktorianischen Kleid gepellt… legt der eine Zeltnachbar mit technoartigem EBM-Geballer los, gegenüber prescht Metal, neben dem Dixi-Klo meint’s einer total ernst mit Mittelalterminne und schwarzer Schlager von Unheilig darf natürlich auch nicht fehlen.

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Unbunter Musikmix (Quelle: A. Swallow)

Unbunter Musikmix (Quelle: A. Swallow)

Wer bis dahin noch nicht wieder nach Hause gefahren ist (wir Gruftis sind nämlich ziemliche Pussys, was Lautstärke und Wetterverhältnis angeht), merkt recht schnell: Nur weil ein Festival unter dem scheinbar deutlichen Plakat „Gothic“ läuft, und zumindest für Außenstehende dort alle gleich aussehen, heißt das noch lange nicht, dass man sich auf einen Soundtrack einigen kann.

Besonders Electronic Body Music-Fans und Metalheads stehen in chronischem Krieg zueinander. Denn während Acts wie Blutengel oder In Extremo noch recht allgemeintauglich sind, grenzt es für beide Seiten an Vergewaltigung, wenn elektronisches Bumbumtscha zwischen zwei Gitarrenschrammel-Acts auf derselben Bühne landet (oder umgekehrt). Meist klappt es Gott sei Dank, die beiden Gegenparteien mit gesundem Abstand zueinander auf einem Festivalgelände zu platzieren, manchmal eskaliert dann aber der Zeitplan und drei Affen mit Reflektoroberteilen und Glatzen hotten im direkten Vorprogramm von Nightwish ab und ziehen irritierend militärische Gestalten vor die Hauptbühne.

Die Ersten versuchen schon verzweifelt sich an den Lautsprechern aufzuhängen und in den Dixiklos schwimmen ertrunkene Leichen, aber das gefühlte achtstündige Bumbum nimmt kein Ende. Ach Leute, könnt ihr euch nicht lieber vor den Mittelaltermarkt stellen und Wassereis verkaufen?

Demnach nun eine ernstgemeinte Frage: Was zum Geier ist eigentlich so interessant an EBM? Don’t get me wrong, es gibt Acts, die ich durchaus schätze und sogar mag, bei den meisten denke ich nur immer wieder: Oh mein Gott, warum nur?!

Also da sind so’n paar Leute. Auf der Bühne. Eigentlich reichen auch schon zwei, einer der abhottet und Stimmenkrempel von sich gibt und einer, der – höflich formuliert – „Keyboard spielt“. Also nein, der spielt nicht wirklich. Eigentlich drückt er drei Knöpfe während dem Lied und den Rest der Zeit fuchtelt er mit den Gichtlatten in der Gegend herum. Das wäre aber noch nicht das Problem, auch solche Musik kann unter Umständen reizvoll sein. Wenn dann nicht diese komischen Gestalten mit ihren deutschen Hirnbreitexten wären.
Ich wiederhole, dies ist eine ernstgemeinte Frage, die mich als langjähriger Grufti (aber total aus der Metalecke) schon ewig beschäftigt, also falls ihr eine Antwort parat habt, bitte lasst es mich wissen:

Was sollen eigentlich immer diese pseudo-nationalistischen Texte? Nehmen wir mal das klassische Beispiel von And One:
„Erst kommt Stolz, dann kommt dein Land, Steine sind Steine, alle an die Wand.“
Immer wieder wird diesbezüglich mit dem Begriff „Provokation“ jongliert, keiner kommt jedoch jemals auf den Punkt, weshalb es immer wieder ähnliche oder militärisch angehauchte Texte in der deutschen EBM-Szene gibt – und was die klaren Intentionen der Bands sind.

Denn aus dem Kontext heraus ist nie eindeutig zu hören, ob es sich dabei nur um Ironie handelt, wie beispielsweise bei den völlig überzogenen Hanzel Und Gretyl. Im Gegenteil. Deswegen: Hö? Ich kriege immer leichte Zuckungen, wenn ich auf Festivals alle um mich herum zu solcher Musik abtanzen sehe, weil ich denke, mir fehlt der geistige Aha-Moment hinsichtlich Bands wie And One. Da muss doch irgendwo was sein? Eine bissige Satire, eine Gegenstimme, eine Hintergrund-Info. Oder nicht? Vielleicht auch nicht. Dann bäh. Mächtig bäh.
Ich geh‘ jetzt wieder Nightwish hören.

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.