Wie sich mit Sondermüll Geld machen läßt

Das Revival deutscher Disco-Musik in Russland

Yevgeny ist auf Deutschland-Tour. Von Kiel geht es nach Hamburg. Von Hannover nach Berlin. Und dann wieder 2000 Kilometer zurück nach Moskau. Im Kofferraum hat er seine Beute verstaut – ungefähr 1500 Langspielplatten, verpackt in Boxen und Tüten. Yevgeny ist Plattenhändler. Was er sucht, findet er nur in Deutschland: Disco-Schallplatten aus deutscher Produktion mit grotesken Covern und noch geschmackloserer Musik. Wer so etwas noch in seiner Plattensammlung hortet, schämt sich meist dafür. Es sind die Platten von Boney M., Silent Circle, Bad Boys Blue, Chilly, Dschinghis Khan und alles, wo Dieter Bohlen seine Finger mit ihm Spiel hatte.

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Hey, Ho, die Russen lieben Dschinghis Khan. Photo Credit: Ariola

Hey, Ho, die Russen lieben Dschinghis Khan. Photo Credit: Ariola

Für eine CC-Catch-Platte bezahlt Yevgeny 20 Euro, für eine Dschinghis Kahn 30 Euro, aber nur, wenn das Poster noch dabei ist. Für die letzte Supermax aus den Neunzigern blecht Yevgeny sogar dreistellig.

Wir wissen nicht was der Plattendealer Yevgeny in Moskau für den vermeintlichen Vinylschrott bekommt, aber es dürfte ein Vielfaches des Aufkaufpreises in Deutschland sein.

Russen, die im Morgengrauen Bananenkisten nach altem Vinyl durchsuchen, sind in den Sommermonaten keine Seltenheit mehr auf deutschen Flohmärkten. Doch der Markt ist abgegrast. Die meisten Disco-Zeitzeugen haben ihre Platten längst gegen CDs eingetauscht. Oder, weil es ihnen zu peinlich war, gleich in den Sondermüll gegeben.

Nun aber zur alles entscheidenden Frage: Was finden die Russen an Vokuhila-Bands wie Bad Boys Blue, Joy oder Laid Back (obwohl die aus Dänemark kommen)? Bands, die hierzulande höchstens noch einen Schützenfest-Gig abbekommen, in Russland aber Arenen füllen. Ist es die Dekadenz der Lipgloss- und Satinhosen-Ära, die den Russen hinter dem eisernen Vorhang verwehrt geblieben ist?

Anscheinend ist der Nachholbedarf groß, wie die megalomanischen „Discoteka 80“-Festivals in Moskau eindrucksvoll zeigen. Yevgeny kann es nur Recht sein. Er macht mit den deutschen Second-Hand-Importen das große Geld. Und die Second-Hand-Vinyl-Läden von Kiel bis Berlin bekommen endlich ihre Ladenhüter los. Die Welt kann so schön sein – Dank geschmackloser deutscher Disco-Musik.

Und hier erleben sie wie Silent Circle in Moskau das Haus rocken

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Über Bernd Schwope

Journalist, DJ und leidenschaftlicher Plattensammler, wohnt und arbeitet in Langenhagen bei Hannover. Seine Vorliebe gilt schwarzer Musik von Soul/Funk über Jazz bis zu Chicago House. Motto: Es gibt nur gute oder schlechte Musik.