Porträts brasilianischer Komponist/inn/en I

Jocy de Oliveira

Auch in Lateinamerikas größtem Flächenland mit seinen Megastädten galt die Schaffung von Kunstmusik lange Zeit als männliche Domäne, schließlich ist im deutschsprachigen Raum den meisten Klassikhörern nur Heitor Villa-Lobos als brasilianischer Name ein Begriff. So kann Sicher die 1936 in Curitiba geborene Multimedia-Künstlerin Jocy de Oliveira sicher als erste Komponistin Brasiliens gelten, die eine Reihe für Tonkünstlerinnen organisierte, abgesehen von ihren Verdiensten als Gründerin der Academia Paulista de Musica und ihres eigenen Opernensembles, mit dem sie ihre Werke aufführen konnte. Zur Jahrtausendwende wurde sie als ständiges Mitglied in die Academia Brasileira de Musica aufgenommen. 

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Jocy De Oliveira: Illud Tempus (Tratore B00004UAWV, 2000)

Jocy De Oliveira: Illud Tempus (Tratore B00004UAWV, 2000)

Die kammermusikalische Komposition für Schauspielerin, Klarinette, Schlagzeug und Synthesizer gelangte durch Oliveiras eigenes Ensemble 1994 in Rio de Janeiro zur Uraufführung, wobei die Komponistin und Librettistin in einer Person selbst den Perkussionspart übernahm. Im darauffolgenden Jahr konnte man sie auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt hören. Das Werk wurde mit einem Preis durch das brasilianische Kulturinsitut ausgezeichnet. Es ist siebenteilig aufgebaut und folgt darin dem möglichst generell gehaltenen Motto „jener Zeit“, in der die persönliche Stimme der Frau wahrgenommen wird: Cantos miticos, Sonhos de mulheres, Ida, La Loba (Die Wölfin), Milk of love, Ida, A mulher dos cabelos de ouro (Die Frau mit den goldenen Haaren). Dementsprechend bewegt sich die Vokalstimme häufig mehr in einem deklamatorischen als traditionell-gesanglichen Duktus.

Das Experiment mit elektroakustischen Elementen nimmt einen breiten Raum in de Oliveiras Schaffen ein, und musikpolitisch betrachtet förderte sie in Brasilien die Akzeptanz für avantgardistische Musik in vielfältiger Weise. Es ist nicht untertrieben zu behaupten, dass sie bei der Vermittlung von Konzerten mit Multimedia-Einsatz, Computer-Video und Laser Pionierarbeit leistete. Als Pianistin nahm sie sich insbesondere Messiaens Klavierstücken an, spielte aber auch andere zeitgenössische Werke ebenso wie ihre eigenen auf CD ein. Strawinskys Capriccio erklang unter ihren Händen noch in Anwesenheit des Komponisten selbst. Von namhaften Komponistenkollegen wurden ihr Klavierwerke gewidmet, nicht nur von Luciano Berio und Iannis Xenakis, sondern auch von John Cage und Johnston. De Oliveiras Kompositionen wurden nicht in die enge Nische eines fürdie Avantgarde empfänglichen intellektuellen Publikums gestellt, sondern entfalteten durchaus Massenwirkung: Space Liturgy etwa wurde in einer Freiluftperformance in Rio de Janeiro einer Zuhörerschaft von 15.000 Menschen präsentiert.

Jocy de Oliveira: Illud Tempus (Tratore B00004UAWV, 2000)

Jocy de Oliveira: Illud Tempus (Tratore B00004UAWV, 2000)

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.