„Cause and Effect“, ab 29. November erhältlich

Saffronkeira mit Mario Massa auf Denovali

Man nehme einen Angelo Badalamenti, entbeine ihn und lege ihn zu einem gleichfalls sauber abgefleischten Bohren (ohne den Club Of Gore), schon ergibt sich eine Ahnung, wie die unglaublichen Aufnahmen des sardischen Soundschöpfers Saffronkeira im Zusammenspiel mit dem Trompeter Mario Massa klingen. Wer diese Ahnung ins Wissen wandeln möchte, der besorge sich bitte die CD „Cause and Effect“, … und reut die Investition nicht. Denn es handelt sich um den Score zur Geschichte zweier vergreisender Frauen, die in einer verregneten Nacht auf ein Taxi in den Puff warten, das dann doch nicht kommt. Oder um die Erinnerungen an bessere Zeiten, die trotz allem zu nichts geführt haben. Vermutungen.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Trötet dir einen:Mario Massa (Simona Toncelli)

Trötet dir einen: Mario Massa (Simona Toncelli)

Badalamenti (Lynch), Bohren (Club Of Gore) … da wären noch „Wish you were here“ (Pink Floyd), der Soundtrack zum “4. Mann” (Loek Dikker), wenn nicht gar Nini Rossi (Il Silenzio) als Referenz zu erwähnen: „Cause and Effect“ gehört in die Kategorie „man-kann-sich-kaum-vorstellen-wollen-zu-sterben-ohne-diese-Musik-gehört-zu-haben“. Und es ergibt keinen Sinn, sich dieser Musik analytisch zu nähern, ihr auf die Spur kommen zu wollen und dingfest zu machen. Warum? Weil es für die Koinzidenz der Zusammenkunft eines Soundforschers mit einem im Fernseh (!) gesehenen Trompeters schlicht und ergreifend keine Worte gibt, die das Erlebnis der Musik, dem Ergebnis der Kollaboration, gerecht werden könnten. Wollte man doch, so gelte es beispielsweise Cioran zu vertonen. Das haben schon einige versucht (Trisomie 21), aber das Scheitern wäre nach wie vor Programm.

Eugenio Caria ist der Sarde hinter dem Pseudonym Saffronkeira. Mario Massa ist der Trompeter, der es geschafft hat, die mit gelinden Glitch-Attitüden versehenen Soundscapes Carias zu einem musikalischen Hochgenuss zu veredeln.

Cause and Effect (Denovali)

Cause and Effect (Denovali)

Warum dieses Werbersprech? Weil es gilt, sich diesem schier unglaublichen Sound noch mit halbwegs heiler Haut zu entziehen. Es ist melodisch, ab und an jazzig, dann wieder zutiefst anrührend, gar traurig. Gealterte Damen auf der Suche nach einem erlösenden F***. Junge Männer ohne Perspektive, unter einem Sternenzelt, das vor lauter Regenwolken nicht mehr zu erfassen ist. „Taxi Driver“ … ja, auch zu diesem Film passt dieses Kleinod, das in sämtliche Rüben reingedengelt gehört. Und das Schönste: mit jedem Hören gewinnt die Platte, sie gewinnt, gewinnt und gewinnt. Jedes Detail sitzt dort, wo es hingehört. Jeder Sound verschafft sich Berechtigung. Und der Trompete abermals den Status, das dann letztlich doch traurigste aller Instrumente zu sein, das am traurigsten klingende, natürlich.

Was Eugenio Caria / Saffronkeira und Mario Massa da erschaffen haben, schreit diffus (eben nicht förmlich) nach Live-Aufführung und Interpretation. Vielleicht geht da noch was … es wäre mir und allen Menschen, die etwas von höchst emotional geprägter Musik verstehen (oder sie verstehen wollen) ein Vergnügen der ganz besonderen Art.

„Cause and Effect“ definiert das Schöne und auch das Erhabene – neu.
Badalamenti, Bohren, auch Roger Waters, Mike Oldfield, Steve Reich und John Zorn stehen Pate. Wer sich diesem Erlebnis entzieht … macht sich zum Affen seiner Unmenschlichkeit. Soundtrack für die Ertrunkenen vor Lampedusa, für die Schlaflosen in einer heillosen Welt. Was für ein Album!!!

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!