Dr. Osterberg und Mr. Pop – die zwei Lebens des Iggy Pop

Iggy Pop ist wieder da und dieses mal scheint er in Hochform zu sein. „Burn“ heißt der gerade als Stream veröffentlichte Track, der Appetit machen soll auf das neue Iggy & The Stooges Albums „Ready To Die“, das am 30. April bei Fat Possum erscheinen wird.

Es ist das zweite Album der neuformierten Stooges (wieder mit James Williamson an der Gitarre, Mike Watt am Bass und Scott Ashton an den Drums) nach dem enttäuschenden „The Weirdness“ von 2007, das trotz Steve Albini-Produktion erstaunlich schlapp und lustlos klang, und Iggys erstes Album auf einem Indie-Label.

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„Burn“ bietet eigentlich genau das, was der Fan von einer Stooges-Platte erwartet: Härte, laute Gitarrenakkorde und das Iggy-typische rotzige Rock’n’Roll-Feeling. Und trotzdem, hier fehlt die Zutat, die „Fun House“ und „Raw Power“ immer noch so scharf klingen lässt, wie ein offenes Rasiermesser und das ist die Unberechenbarkeit, das Element der totalen Anarchie.

Ich glaube, dass James Osterberg (Iggys bürgerliche Existenz) mittlerweile die Bühnenpersönlichkeit Iggy Pop total kontrolliert. Iggy ist längst nicht mehr „the world’s forgotten boy, the one who searches to destroy“, das selbstzerstörerische, drogenverseuchte Punkrock-Balg –  Iggy ist der Anzug, den James Osterberg anzieht, wenn er zur Arbeit geht.

Iggys Musik war immer dann am besten,  wenn er – fertig von Drogen und Alkohol – so dermaßen am Boden lag, dass Osterberg ihn mit einem Schaber abkratzen mußte um ihn ins Leben zurückzuholen. In solchen Phasen, wenn sein Jekyll und Hyde im Clinch miteinander lagen und er die daraus entstehende kreative Energie in seine Songs gepackt hat, war er künstlerisch am stärksten; auf den frühen Stooges-Alben oder auf „The Idiot“, „Lust for Life“ und „American Ceasar“.

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Iggy & The Stooges „Ready To Die“
Foto: Fat Possum Records

Dagegen wirkt das Projekt „Iggy Pop“ heute eine Spur zu glatt, zu überlegt. Das fängt mit dem provozierenden Cover an, dass Iggy im Fadenkreuz zeigt, einen Sprengstoffgürtel um die Hüfte tragend (wenn man extra darauf hinweisen muß, das eine Platte „explosiv ist, ist sie das in der Regel nicht in dem Maße, wie es das Cover nahelegt) und zeigt sich auch in der bis ins kleinste Detail geplanten Veröffentlichungsstrategie mit Vorab-Streams, geplanter Tour bis Ende 2013 und vermutlich schon etlichen gebuchten TV-Auftritten.

Iggy James Osterberg ist endlich im Musik-Business angekommen, „no more beating my brains with the liquer and drugs.“ Natürlich erwarte ich nicht, dass sich ein Mann in Iggys Alter noch gebärdet wie Pete Doherty, und wenn ich einem Musiker gönne, dass er endlich anständig bezahlt wird, ist das Iggy. Aber ich vermisse die alte Magie, das Entfesselte, was ein Iggy in Bestform allen anderen Rocksängern voraus hat. Aber, um das nochmals klarzustellen: „Burn“ ist kein schlechter Song und wenn der Rest des Album dieses Niveau hält, wirst du es nicht bereuen, dafür dein Geld dein Geld auszugeben.

Denn trotz allem: Auch der Iggy von heute kann dem Rock’n’Roll Nachwuchs noch ganz gehörig in den Hintern treten.

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Über Christian Siebje

Christian Siebje | Jahrgang 64, aufgewachsen in Hamburg. Lebt und arbeitet als Journalist, Texter, Blogger und Familienvater in Karlsruhe. Musik als Leidenschaft: Bach, Klassik, Electronica, Alternative, Reggae, Soul, Jazz, Pop, Punk & Avantgarde.