Totale Bevormundung

„A Serbian Film“ nur völlig entstellt erhältlich

„Ein Film wie ein Faustschlag. Ein Wutausbruch. Ein Hilfeschrei“, so steht es auf dem Cover der deutschen Verkaufsversion (Starlight Film) des vielleicht wichtigsten Films der letzten Jahre. Aber wie nicht anders zu erwarten, wurden in der deutschen Fassung sämtliche Szenen, die dem Film erst seine Bedeutung geben, radikal entfernt. Wer den Streifen nicht zuvor in der Original-Version gesehen hat, kann nicht kapieren, worum es geht und was das alles soll. Scham und Schande über das deutsche Wesen, an dem doch soll die Welt genesen.

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Bruderliebe bleibt in der Familie (filmstarts.de)

Bruderliebe bleibt in der Familie (filmstarts.de)

Man muss schon zurück zu Pasolini und seinem „Saló – Die 120 Tage von Sodom“ gehen, um einen vergleichbaren Aufruhr in der Film-Geschichte aufzufinden: „A Serbian Film“ von Srdjan Spasojevic brachte mit seinem Erscheinen vor gut zwei Jahren die Kinogänger gegen sich auf. Im Netz sind offen ausgesprochene Morddrohungen an „alle, die an diesem Film beteiligt waren“ weiterhin im Umlauf. Und derlei Anfeindungen überwiegend aus Serbien selbst – die Verrohung hat Methode.

Dabei handelt es sich bei „A Serbian Film“ um eine Kapitalismusanalyse, wie sie trefflicher kaum zu formulieren wäre. Aber – damit diese Analyse auch verstanden wird, braucht dieser Film seine extremen Sex- und Gewaltszenen, für das deutsche DVD-Volk wurde er um diese Szenen, die keinerlei Selbstzweck dienen, radikal beraubt.

Es geht um einen Ex-Pornodarsteller (Serbiens Rockstar Nr. 1, Srdjan Todorovic), der, um seinen Arsch zu retten und das Wohlergehen seiner Familie zu sichern, einen Vertrag unterschreibt: Er soll das machen, was er am besten kann, er darf nicht wissen, was das Drehbuch vorsieht. Was sieht es vor? Gewalt, Mord, Kinderpornographie. Dann wird er unter Drogen gesetzt, wird zum wilden Tier, vom Täter zum Opfer, das seine eigene Familie mit in den Tod nimmt.

Der Begriff „Opfer“ ist der Fokus des Films. In einer Welt, in der nur noch zählt, was man kann und hat, gibt es keine Gnade auf Pump. Und angesichts der Isolation Serbiens gewinnt das filmische Statement an Brisanz und bitterer Wahrheit. Aber in Deutschland geht es uns allen besser, darum tut es auch keine Not, einen Film „cut“ zu veröffentlichen, der um Aufklärung fleht.

Opfer und Opfer (Horrorphile.net)

Opfer und Opfer (Horrorphile.net)

Aufklärung?! Gut, bitte sehr: In der deutschen Verkaufsversion fehlen unter anderem folgende Szenen: Ein Neugeborenes („Opfer“) wird vom Geburtshelfer („Opfer“) sofort nach dem Erblicken des Lichts der Welt penetriert, was die Mutter („Opfer“) zur orgasmischen Verzückung genügt. Einer Frau („Opfer“) werden die Zähne gezogen, um anschließend per Oralsex erstickt zu werden. Der Protagonist („Opfer“) enthauptet eine weitere Frau („Opfer“) während er sie a tergo „nimmt“, was natürlich – Film im Film – gefilmt wird, um es meistbietend verkaufen zu können.

Beim Showdown, der komplett rausgeschnitten wurde, vergewaltigt er seinen eigenen Sohn (ca. 10 Jahre jung), nebst seinem Bruder, Polizist, der seine Ehefrau … „Eine perfekte, glückliche serbische Familie“, skandiert der Regisseur im Film (Sergej Trifonovic), bevor auch er in einer Gewaltorgie daran glauben muss, dass mehr noch als Sex der Tod „sells“. Dass die Ermordung eines Menschen anhand der Einführung eines eregierten Gliedes in eine Augenhöhle erfolgt, das mag ja etwas „übertrieben“ sein (doch wer weiß, was alles im Krieg real geschehen ist). Doch am Ende, wo die sich im Einvernehmen selbst getötete Familie einem weiteren Filmteam zum Fraß vorgeworfen wird, spielt das auch keine Rolle mehr.

„A Serbian Film“ ist ein durchdachtes Meisterwerk (die Musik, von Wikluh Sky, ein Hammer!), ein „Hilfeschrei“, der auf der hier erhältlichen DVD-Version mundtot gemacht wurde. Es fehlen über zwanzig Minuten, jene Minuten, die über das Entsetzen Verständnis und Engagement einfordern. So ist das halt, ist ja auch nicht weiter wichtig, so lange uns die BILD-Zeitung mit den Abgründen des Lebens versorgt. Und noch was: Mit Filmen ist es wie mit Dödeln – uncut oder gar nicht.

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