Süßer die Synthies nie klingen

Erasure – „Snow Globe“

Weihnachtsalben sind immer so eine Sache. Vor allem, wenn etablierte Pop-Größen meinen, das Fest der Liebe besingen zu müssen. In der Regel kommt dabei größtmöglicher, kaum zu ertragender Kitsch heraus. Und wenn eine Band wie Erasure, die ohnehin für ihre süßlichen Elektro-Pop bekannt ist, sich auf solch ein Unterfangen einlässt, wird es schwierig. Doch „Snow Globe“ zeigt das Duo Andy Bell/Vince Clarke weitestgehend unprätentiös und voller Überraschungen.

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Erasure sind auf "Snow Globe" nicht besinnlich, aber wider erwartend gut (Quelle: Mute Records)

Erasure sind auf „Snow Globe“ nicht besinnlich, aber wider erwartend gut
(Quelle: Mute Records)

Gerade Vince Clarke, das Depeche-Mode-Urmitglied und berühmt für seine melodieverliebten Pop-Oden, scheint seinen Computer eine Lebkuchen- und Glühweinsoftware verabreicht zu haben, so stimmungsvoll und weihnachtlich klingt die Elektronik auf „Snow Globe“. Aber es ist auch Andys fast schon knabenhafter Gesang, der, andächtig wie ein Chorjunge in der Kirche, die Menschen verzückt.

Das wir uns jetzt nicht falsch verstehen: Wo Erasure drauf steht, ist auch Erasure drin. Mit eigens komponierten Stücken wie „Bells Of Love“ oder das an Yazoo-Zeiten erinnernde „There’ll Be No Tomorrow“ knüpfen an die Hochphasen des Pop-Duos an, als sie zwischen 1985 und 1995 mit „Always“, „Blue Savannah“ oder auch „Sometimes“ Erfolgssongs in Reihe produzierten.

Aber dann sind da noch die unerwartet gut interpretierten Klassiker. Zum einen das klassische „Gaudete“ (hier klingt Andy Bell wirklich wie ein unschuldiger Chorknabe), zum anderen der nicht tot zu kriegende Christmas-Standard „White Christmas“ von Bing Crosby. Was hätten Erasure da nicht alles falsch machen können! Doch Clarke kam auf eine sensationelle Idee: Bells Stimme wurde verfremdet, sodass sich sein Gesang anhört wie auf einer alten Schellackplatte. Nostalgie durch Elektronik, ein wirkungsvoller Kunstgriff.

Zwar bleibt „Snow Globe“ in erster Linie ein Weihnachtsalbum, das sich auch nur in dieser Zeit ertragen lässt, die Ideen, die das Zweiergespann in das Album gepackt haben, gehen aber weit über den vorweihnachtlichen Konsens hinaus. Experimentierfreude zahlt sich eben doch aus.

VÖ: 08.11.2013 (Mute/Good To Go)

Ein schönes Video zu „Gaudete“ gibt es auch

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!