Leider gastierten die weltweit bekannten Musiker der Formation Pasión de Buena Vista nur für einen Abend in Erfurt, heute waren sie schon wieder „en via“ nach Regensburg zur nächsten Vorstellung. Sie hatten hoffentlich dennoch Zeit sich in der historischen Altstadt Erfurts  ein wenig umzusehen. Zwei Legenden aus der großen Epoche der siebziger Jahre waren am 9. November live und ganz vorne auf der Bühne der Alten Oper zu hören: Sotto Victor-Antunez, der mit Ibrahim Ferrer 1989 den Song Dos Gardenias entwickelte und Augusto Blanco, genialer Interpret von Bésame mucho, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden. Nicht nur dieser war mit voluminöser, gleichzeitig weicher und unverwechselbar emotional gefärbter Stimme präsent, es erklangen noch zwei weitere vertraute Nummern des Duetts.

Augusto Blanco und Sotto Victor-Antunez mit Dos Gardenias am 9.11.13 (Agnieszka Mederer)
Augusto Blanco und Sotto Victor-Antunez mit Dos Gardenias am 9.11.13 (Agnieszka Mederer)

Die gleichermaßen leidenschaftlich agierenden Tänzerinnen und Tänzer führten in ständig wechselnden Kostümen, die teilweise an den karibischen „carnaval“ erinnerten, Varianten der spezifisch kubanischen Erfindungen des Rumba, Chacha, Salsa, Merengue und auch des zur Zeit kultverdächtigen Mambo vor. Originalklangfans kamen ebenso voll auf ihre Kosten, denn auch die mit changierenden Musikern besetzte Combo verfügte über alle Instrumenten(gruppen), die die kubanische Musik so unverwechselbar machen. Auch das Tenorsaxophon, die Marimbula, eine geschlagene röhrenförmige Metalldose und der Holzbass als kleiner Bruder des Kontrabasses ebenso wie die Gitarre mit drei Doppelsaiten konzertierten mit. Der übrigens von den amerikanischen Bigbands der 1940er und 1950er Jahre übernommene Blechbläsersound überdröhnte keineswegs die anderen Instrumentalgruppen, sondern fügte sich in das Gesamtklangbild ein. Moderator, Tänzer und Sänger Daniel Lopez stellte den Congas-Spieler mit einem Solo vor.

Sotto Victor-Antunez war langjähriger Partner von Ferrer auf den Bühnen der Welt, sie traten insgesamt mehr als 50mal zusammen auf. Neben dessen unverwechselbarer klarer Stimme konnte sich Lisbet Castillo-Montenegro, die aus einer Kleinstadt in der Sierra Maestra stammt, mit noch expressiverer Stimmdynamik gut behaupten. Die von Candido Fabré entdeckte 31jährige Sängerin stand schon mit Ferrer und Pio Levya auf der Bühne und wurde sowohl mit dem Titel „La Morena del Son“ als auch  mit 19 wichtigen Künstlerpreisen ausgezeichnet. Im ersten Teil ihres Erfurter Auftritts brillierte sie mit dem sonst häufig von Eliades Ochoa und Compay Segundo gehörten Chan Chan in einer schneller getrunken Version. Als weiteres Highlight des Abends ist noch einmal die sanfte und auch im Forte kraftvoll vibrierende Stimme Augusto Blancos zu nennen, der verschiedene Duette mit Lisbet Castillo und Sotto Victor-Antunez bestritt.

Nicht zuletzt sollte auf die Vielseitigkeit von Daniel Lopez hingewiesen werden, der nicht nur choreographisch perfekt im Einklang mit seinen zwei Kollegen im Bühnenmittelgrund agierte, sondern auch gesanglich überzeugte und das Publikum im wahrsten Sinne zum Tanz auf die Bühne holte. Das Mitwirken der Zuhörer erstreckte sich schließlich auf das ganze Theater, die meisten standen unter rhythmischem Mitklatschen auf und tanzten dazu. An diesen mitreißenden und musikalisch exzeptionell kubanischen Abend mit Autogrammstunde im Anschluss wird man sich noch lange erinnern, ein fulminantes Feuerwerk unter dunklem, bedecktem Novemberhimmel.

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert