Porträts brasilianischer Komponist/inn/en II

Luís Álvares Pinto

Die Entwicklung der brasilianischen Musik seit 1500 war natürlich eng mit der europäischen Kolonisation verbunden, nur ein geringerer Anteil ist seither dem Einfluss der indigenen Kulturen zuzuschreiben. Grossen Einfluss auf die musica erudita, die gelehrte Musik und die musica popular, nicht mit Folklore zu verwechseln, hatten die Traditionen der schwarzafrikanischen Sklaven, insbesondere im Hinblick auf synkopierte Rhythmen und die Rolle der Perkussion. Eingewanderte Musiker gehörten zunächst überwiegend der kirchlichen Sphäre an, fungierten als Organisten und dienten der Messliturgie. Erst allmählich wurde andere Instrumentalmusik integriert. Zu den für die Kirche schaffenden Musikgelehrten zählte noch zum Ende der Barockzeit Luís Álvares Pinto (1719 – 1789) aus Pernambuco.

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Die Solfejos von Luis Alvares Pinto können auch mit dem Cembalo gespielt werden ...

Die Solfejos von Luis Alvares Pinto können auch mit dem Cembalo gespielt werden …

Der in Recife geborene Pinto war nicht nur einer  der ersten brasilianischen Komponisten, die in Europa studierten, in diesem Fall übrigens in Lissabon bei Henrique da Silva, sondern ebenso erst der zweite, der in Brasilien ein theoretisches Traktat mit praktischen zweistimmigen Beispielen im Anhang schuf, Arte de Solfejar (1761). Das Unterrichtswerk findet sich heute in der Biblioteca National de Lisboa. Im Jahr 1776 erschien eine weitere Abhandlung Pintos mit dem Titel O Muzico e Moderno Systema para Solfejar sem Confuzão.

Wo aber wirkte Pinto ach seiner Ausbildung? Bekannt ist, dass er in seiner Geburtsstadt Recife weiterwirkte, nämlich als Kapellmeister an der Igreja da Irmandade de Nossa Senhora do Livramento und an der Nebenkathedrale San Pedro dos Clerigos. Vermutlich komponierte er wesentlich mehr als überliefert ist; erhalten blieben von seinen Vokalwerken nur ein Te Deum und Salve Regina mit instrumentaler Begleitung sowie im Bereich der weltlichen Musik fünfstimmige und die Stücke in seinen theoretischen Traktaten, die sowohl auf dem Cembalo als auch auf der Orgel ausgeführt werden können. Bemerkenswert ist, dass Pinto gleichzeitig einen höheren militärischen Posten bekleidete: Er fungierte als Regimentskapitän. Daneben machte er sich als Komödiendichter einen Namen, malte und unterrichtete, woraus ein Wörterbuch für Kinder hervorging, das in Lissabon 1784 herausgegeben wurde. Eine solche Vielseitigkeit war in Europa eher typisch für das Renaissancezeitalter.   Kein Wunder also, dass ihn die Academia Brasileira de Música zu Ihrem Patron ernannte …

Was aber unterscheidet die brasilianische Musik des 18. Jahrhunderts von der Entwicklung in Europa? Stilistisch ist ein Schwanken zwischen der alten Palestrina-Schule, dem Hochbarock und der Wiener Klassik genannt worden sowie eine gewisse bodenständige Natürlichkeit in der Wahl der Ausdrucksmittel. Auch die Einflüsse der afrikanischen perkussiven Elemente ist zu beachten. Eine Auswahl aus Pintos Werken ebenso wie von anderen brasilianischen oder in Brasilien wirkenden Musikern wie Joao Esteves, Manoel Dias de Oliveira, Ignacio Parreiras Neves und Carlos Seixas ist zu hören auf der empfehlenswerten Einspielung Negro Spirituals au Bresil Baroque, dirigiert von Jean-Christophe Frisch, erschienen in der Reihe K617 beim Label Harmonia Mundi (B00004ZD6B, 2001).

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.