Bedingungslos romantisch

Dortmunder Philharmoniker entdecken den Orient

„orient – düfte“ betitelte sich das 3.Sinfoniekonzert der Dortmunder Philharmoniker. Nach „Nacht“ und „Natur“ bildete jetzt der sagenumwobene Orient den thematischen Schwerpunkt. Ein dankbares Sujet, denn viele Komponisten, Dichter und Maler des 19.Jahrhunderts ließen sich von der Vorstellung  geheimnisvoller Welten und gut gefüllter Harems zu künstlerischen Höchstleistungen inspirieren. Die Bandbreite reichte von Schlagern bis zu mehr oder weniger historische verankerten Opern und sinfonischen Werken, die sich auch an der unterschiedlichen Melodik und Instrumentation mehr oder weniger offen bedienten. Oft blieb die Sicht aber eine durchweg westlich orientierte, und verklärende Romantik tat ihr übriges: die meisten Werke wurden zu Ohrwürmern und Bestsellern.

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Lilya Zilberstein, Klavierpart im "Concerto egyptien" (© Agentur)

Lilya Zilberstein, Klavierpart im „Concerto egyptien“ (© Agentur)

In der Gestalt der Weltmusik und in einem anderen Medium, dem  der Bollywood Filme reicht die Faszination wohl bis in die heutige Zeit,
Unter der musikalischen Leitung von George Pehlivanian begann das Programm mit der Aladdin Suite op.34 von Carl August Nielsen, der inmitten der vielfältigen Strömungen Ende des 19. und Anfang des 29.Jahrhunderts eine monolithische Position einnimmt – soll heißen, er komponierte im 19.Jahrhundert vergleichsweise modern, im 29.rollte die Entwicklung etwas über ihn hinweg. Nichtsdestoweniger werden seine Werke vor allem im symphonischen Bereich gerne gespielt. Das ursprünglich als Schauspielmusik konzipierte Werk, aus dem dann eine sinfonische Suite destilliert wurde, begann mit einem orientalischen Marsch, streifte dann die Hindus und verirrte sich sogar zu einem chinesischen Tanz, der das hervorstechendste Beispiel der vielschichtigen Harmonik Nielsens bleiben sollte. Von George Pahlivanian korrekt aber uninspiriert dirigiert, klang dieses Stück als einziges des ersten Teils noch lange nach. Das Solistenkonzert des Abends bestritt Lilya Zilberstein mit Camille Saent Saens Konzert für Klavier und Orchester Nr.5 F-Dur op 103. „Es ist eine Art Orientreise, die in der Episode in Fis sogar bis zum fernen Osten vordringt. Die Passage in G ist ein nubisches Liebeslied, das ich von Schiffern auf dem Nil singen gehört habe, als ich auf einer Dahabieh den Strom hinunter segelte“ Saint-Saens liebte den Orient und verbrachte viel Zeit in Nordafrika, in Algier, in Kairo. Bereits kurz nach der Uraufführung am 2.Juni 1886, bei der er selbst den Klavierpart spielte, bekam das Konzert den Titel „Ägyptisches Konzert“. Jedoch – was da zu hören war, reinste musikalische Romantik und Stimmungsmalerei, hätte ebenso gut eine alpenländische Idylle oder eine Nordsee-Insel darstellen können. Von Lilya Zilberstein souverän vorgetragen, rauschte das Stück sehr unorientalisch dahin. Des Dirigenten Indifferenz, die sich lediglich auf Begleitdirigat zu konzentrieren schien, machte das Stück auch nicht interessanter. Es gab viel Beifall für die Solistin.

George Pehlivanian, Dirigent des 3.Philharmonischen Konzerts (© Weigold & Böhm )

George Pehlivanian, Dirigent des 3.Philharmonischen Konzerts (© Weigold & Böhm )

Den Abschluss bildete die Gayaneh Suite des Armeniers Aram Khatchaturian, der in seinen Kompositionen starke Traditionsverbundenheit mit armenischen, georgischen und aserbaidjanischen Volksliedern immer wieder aufnahm und abwandelte. In Russland wurde das ballett Gayaneh, deren politisch korrekte Wandlung zur Volksheldin mit integriertem Happy End 1942 zum Triumph des neuen Menschen sowjetischer Prägung geriet, entsprechend gefeiert. Im Westen haben dem Ballett die drei Orchestersuiten den Rang streitig gemacht. Und hier erwachte Pehlivian, der auch die Zusammenstellung besorgte, plötzlich aus seiner Lethargie und dirigierte feurig, überschwenglich und mit beträchtlichem Körpereinsatz einen mitreißenden Khatchaturjian. Dass dabei ausgerechnet die Intro zum berühmtesten Stück, dem Säbeltanz, etwas holprig wirkte, wurde wett gemacht durch die Leistungen besonders der Bläserformation, aber auch dem engagierten Spiel des groß besetzten Orchesters. Es war ein effektvoller Abschluss, und wenn der Dirigent beim nächsten Mal etwas früher erwacht, kann man weiteren Konzerten hoffnungsvoll entgegen sehen.

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