Das Gesamtkunstwerk

Klaus Nomi, komm zurück!

David Bowie, Alfred Biolek, Thomas Gottschalk und Eberhard Schoener: Würde Klaus Sperber noch leben, er hätte sicherlich diese vier Menschen zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen. Denn sie hatten sein Talent erkannt und wollten ihm zu einer größeren Bekanntheit verhelfen. In etwa zwei Monaten, am 24. Januar wäre Klaus Nomi, so sein Künstlername, 70 Jahre alt geworden. Vor rund 30 Jahren jedoch, am 6. August 1983, riss die damals noch unerforschte Autoimmunerkrankung AIDS den aus Immenstadt im Oberallgäu stammenden Künstler aus dem Leben. Noch bevor er richtig berühmt wurde.

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Zu einer Krone gestylte Haare, shwarze Lippen, weißes Gesicht: Klaus Nomi war ein Gesamtkunstwerk (Illustration: Jean-no)

Zu einer Krone gestylte Haare, schwarze Lippen, weißes Gesicht: Klaus Nomi war ein Gesamtkunstwerk
(Illustration: Jean-no)

Nomis 70. Geburtstag wäre keine Feier, sondern ein Happening geworden. Ein großes Varieté, eine Performance. Vor allem aber wäre es ein lukullisches Fest mit vielen leckeren Torten und Pastetchen gewesen. Denn bevor Sperber zu Nomi wurde und seinen ausgebildeten Counter-Tenor auf die Menschheit losließ, erlernte er den Beruf des Konditors. Doch auch als Musiker und Sänger blieb das Backen seine Leidenschaft.

Klaus Nomi ist das, was man einen Propheten im eigenen Land nennt. Er war in erster Linie eine Kunstfigur, der mit seinen kubistischen Outfits an das triadische Ballet und die Bauhaus-Optik im Deutschland der 1920er Jahre herum erinnerte. Nomi war ein Space-Man, der wie eine Frau sang und Kuchen an seine Mitmenschen verteilte.

So etwas verrücktes konnte nur in New York reüssieren, und auch nur Ende der 70er Jahre, als der New Wave in der Metropole den Untergrund durchspülte und durchlässig für die wildesten und schrägsten Kreaturen machte. Deutschlands Atmosphäre war zu jener Zeit viel zu politisch, als dass ein Mann wie Nomi, der nur Kunst um der Kunst willen produzierte, wahr genommen werden konnte.

Der Big Apple gab ihm diese Freiheit. Die zu dieser Zeit liberale Einstellung dort erlaubte es dem Homosexuellen, sein Alter Ego in kleinen Varietéaufführungen auszuformen.

Hier einer seiner ersten Auftritte in der „New Wave Vaudeville Show“

Unnahbar, wie ein Roboter. Nomis optische Strenge stand im krassen Gegensatz zu seinem Gesang (Quelle: Sony Music)

Unnahbar, wie ein Roboter. Nomis optische Strenge stand im krassen Gegensatz zu seinem Gesang
(Quelle: Sony Music)

Seine Stimme versetzte nicht nur das Publikum, sondern auch Musikerkollegen in Staunen. Allen voran David Bowie, der ihn 1978 als Backgroundsänger für seinen Auftritt bei „Saturday Night Live“ engagierte. Damit gelang dem deutschen Zuckerbäcker ein erster kleiner Erfolg.

Erst 1980, als in Deutschland der Pop durch die New Romantics eine deutlich nihilistischere Ausrichtung erfuhr und Paradiesvögel wieder mehr in den Fokus gerieten, trat Nomi auch in seiner Heimat auf. Bei Bioleks „Bio’s Bahnhof“ und Gottschalks „Na Sowas!“ nahm die breite Masse erstmals von diesem seltsamen Wesen Notiz. Die TV-Auftritte sollten bereits seine Schwanengesänge sein.

Alles in Nomis Leben war ästhetisch. Selbst sein Tod. Von der Krankheit schon arg geschwächt, trug er bei Eberhard Schoeners „Klassik Rocknacht“ in München den „Cold Song“ aus Henry Purcells Oper „King Arthur“ vor. Heute klingt es so, als habe er sein eigenes Dahinscheiden besungen. Nomi litt zu diesem Zeitpunkt schon an Atembeschwerden. Deswegen war diese Version des Stücks nicht nur besonders langsam und getragen, sondern auf sonderbare Weise auch morbid. Sechs Monate nach diesem Auftritt starb er.

Kurz nach seinem Tod erschien mit "Encore!" ein erstes Best-Of-Album (Quelle: Sony Music)

Kurz nach seinem Tod erschien mit „Encore!“ ein erstes Best-Of-Album (Quelle: Sony Music)

Kaum einer vermag zu erahnen, welche Geschenke Nomi der Menschheit noch gemacht hätte, wäre er noch am Leben. Denn Nomi war radikal in seiner Art. Klassik und Rockmusik standen gleichwertig bei ihm und auch seinen Platten nebeneinander. Eigene Kompositionen wechselten sich mit klassischen Opernarien ab, dadaistische Texte und epische Gedichte erhielten den gleichen Stellenwert.

In diesem Spannungsfeld aus E- und U-Musik hätte der zierliche Mann mit den schwarzen Lippen auch noch über Jahrzehnte hinweg auf sich aufmerksam machen können. Das war auch der Grund, warum Klaus Sperber zu Klaus Nomi wurde: Nomi war das Anagramm von „Omni“, dem lateinischen Wort für „alles“. Und seine Musik beinhaltete alles.

Nur wenige erinnern sich hierzulande noch an das Gesamtkunstwerk Nomi. Diejenigen, die das tun, rezipieren ihn aber höchst unterschiedlich. So unternahmen Rosenstolz einen eher kläglichen Versuch, Nomis „Total Eclipse“ auf die Jetztzeit und wohl speziell für das schwullesbische Publikum zu übertragen.

Wesentlich vorsichtiger geht man in der Klassik mit Nomi um. Auf seiner CD „O Solitude“ von 2010 sang Andreas Scholl ebenfalls den „Cold Song“, den er explizit Klaus Nomi widmete, dem ein großer Verdienst in der Renaissance des Counter-Tenors nachgesagt wird.

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!