Porträts brasilianischer Komponist/inn/en III.

Chiquinha Gonzaga

  • Als Begründer des Choro, einem eher von Melancholie geprägten und überwiegend instrumentalen Genre gilt der Flötenvirtuose Joaquim Calado, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer eigenen Gruppe auftrat, in der neben der Querflöte zunächst zwei Gitarren und ein Cavaquinho, einer Art von kleinen Gitarre, der Vorform der hawaiianischen Ukulele, Verwendung fanden. Das Besondere: Alle Musiker durften frei über ein gegebenes Thema improvisieren – lange vor dem Jazz Age. Zu dem Ensemble gesellte sich die Pianistin Chiquinha Gonzaga (1847 – 1935) aus Rio de Janeiro, die eigentlich Francisca Edwiges Neves Gonzaga hiess. Gerade sie wurde dann für ihre Choro-Kompositionen bekannt, die in den 1950er Jahren ein anhaltendes Revival erlebten…
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    Chiquinha Gonzaga (Desconhecido)

    Chiquinha Gonzaga (Desconhecido)

    Die Pianistin und Komponistin öffnete nicht nur zu Lebzeiten Frauen in Brasilien den Weg zu einer professionellen Musikausbildung und -ausübung. Sie schrieb mehr als 300 Kompositionen für verschiedenste musikalische Formationen und Gattungen. Zuerst gab sie Klavierstunden und spielte auf Tanzabenden. Mit ihrem Stück  Atraente wurde sie im Jahr 1877 schlagartig berühmt. Sie komponierte Musik nicht nur für den Choro, sondern auch Werke im Stil von Polka, Fado, Brasilianischem Tango, Habanera, Dobrado, Marcha, Lundu, Modinha und Maxixe. Zudem begründete sie die Sociedade Brasileira de Autores Teatrais mit, die sich für die Rechte von Autoren und Komponisten einsetzte.

    Doch zurück zu Gonzaga wichtigstem Beitrag zur Musikgeschichte Brasiliens: Die meisten Choros und auch diejenigen aus ihrer Feder sind charakterisiert durch ein ziemlich hohes Tempo, eine auf Sechzehntelbewegung beruhende Melodie- und Rhythmusstruktur und sambatypische Phrasierung, bei der diese Sechzehntel nicht gleichmäßig, sondern mit einem gewissen Verschleppen gespielt werden. Wegen des hohen Tempos bei den Melodielinien gespielten Melodielinien ist von den Musikern hohe Virtuosität gefordert, was selbst für die Begleitinstrumente gilt. Häufig sind Choros in traditioneller A B A C A – Form mit einem Hauptthema gehalten, dem eine zweite Melodie folgt; darauf wird das erste Thema wiederholt, ein drittes kommt hinzu und schließlich wird die Anfangsmelodie wiederholt. Die drei Teile können sich allerdings in Rhythmik und Stil deutlich voneinander unterscheiden, anders als in klassischen Formen üblich.

    Als klingende Einführung in das Werk der brasilianischen Komponistin ist die CD O Melhor De Chiquinha Gonzaga, erschienen beim Label Revivendo (Best.-Nr. B000E97GYo, 2006) zu empfehlen.

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    Über Dr. Hanns-Peter Mederer

    Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.