Anjas Abwasch

Schwarm-Alarm

Sie sind das musikalische Pendant zu Chick-Flicks oder dem 9fachen Oskargewinner, den wir uns unbedingt ansehen müssen – wegen der Handlung, wegen des Hauptstellers und wegen der tieferen Aussage. Sie bringen Frauen zum Träumen, treiben uns zu absurden Sexphantasien oder trösten uns bei Liebeskummer und Sorgen. Sie lassen uns Nächte durchtanzen, bei Konzerten hysterische Anfälle und Orgasmen bekommen oder CDs abdudeln bis zur Quecksilber-Schicht. Songs und Stars, die Frauen auf die Download-Plattform oder in den NichtfürBlöde-Markt ziehen und sie ein Heidengeld für Konzertkarten ausgeben lassen.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Lasst uns Mädchen sein
Ob nun unsere Mama bei John Lennon, Pete Townsend oder Howard Carpendale  ins Schwärmen geriet, ob wir in jungen Jahren Bon Jovi, Bono oder Bohlen unsere BHs an die Köpfe warfen, unser Azubi auf Enrique Iglesias, Take That oder Tiesto abfuhr oder unsere Töchter sich Justin Bieber –Bettwäsche zu Weihnachten wünschen oder Zeromancer-Girlshirts bei EMP bestellen – es ändert sich nichts. Endlich einmal Tussi und affig sein dürfen und so laut quietschen und jubeln wie bei einem Paar goldlackierter High-Heels, die nur 39 Euro kosten! So wie man sich vornimmt, nie wieder flache Schuhe zu tragen, obwohl man weiß, dass man sich Blasen läuft, darf frau sich immerhin für einige Sekunden einbilden, dass man für den schmachtenden Herrn mit der Klampfe (oder der Blasmusik) logischerweise die einzig Wahre wäre.

Noch einmal bitte – mit Anspruch
Für stille Stunden gibt es aber auch noch die anspruchsvolle Variante. Es sind jene Momente in denen wir unsere (meist flammneue) Einsamkeit kultivieren, extrateuren Kaffee trinken, uns in einen Kimono werfen, Goldextrakt-Schaumbäder nehmen oder mit uns selber Antipati essen wollen. Dazu gehören die sehnsüchtig-anspruchsvollen Seufzer und schwermütige Texte, die große Liebe herbeiflehen oder von der Sinnlosigkeit des Seins per se berichten.

Denn, so attraktiv sie auch sind und wie schön ihre Samt-auf-Reibeisen-Stimmen uns auch ins Lilalaune-Land schaukeln könnten – niemand kann einem Kurt Cobain, einem Peter Gabriel, einem Jim Morisson oder Lou Reed den Tiefgang absprechen. Solche Musiker machen ihr Ding und es ist ihnen völlig egal, was sie in Frauenherzen damit bewirken. Und gerade das macht sie dann so richtig interessant. Solchen Stars wollen wir nicht unsere BHs an den Kopf werfen, die möchten wir wirklich kennenlernen. Und wenn es nur wäre, um mit ihnen über ihre Kunst zu fachsimpeln und rauszubekommen, warum fast jede Zeile ihrer Balladen uns so wahnsinnig berührt. Und mal ehrlich – so einen hat auch fast jede von uns im Plattenschränkchen. Den Outlaw, den Denker, Künstler, Querschläger. Und möchte ihn von seiner Qual erlösen. Lonely Wolf-Syndrom auf musikalisch und Lithium für die Einsamen.

Doch woran liegt es? In einer Hinsicht sind Frauen wählischer als Männer. Während wir uns plötzlich im Auto Latino-Klänge anhören müssen, weil Shakira eine geile Kehrseite hat, bleiben erwachsene Frauen ihrer musikalischen Grundhaltung weitestgehend treu. Eigentlich logisch, denn schöne Männer gibt es im Rockpop ebenso wie in Grunge und Schlager. Trotz netter Sonnyboy-Optik reisst mich da ein Flori Silbereisen als Gesamtpaket dann nicht so vom Stuhl. Wir sind halt Perfektionistinnen und an unserem Traumtypen muss einfach alles stimmen, oder Mädels? Da nützt dem Flori auch die schönste Schnulze nichts, wenn ich als ehemaliges Punk-Groupie die beste Freundin geburtstagstechnisch zum Schlagerfestival begleite. Nichtmal drei Alkopops. Oder zehn.

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.