Bumm Bumm Belgien

Various Artists: „The Sound Of Belgium“

Dass elektronische Musik oft mit Deutschland in Verbindung gesetzt wird, ist zwar richtig, aber nicht die ganze Wahrheit. Hierzulande wurde der sterile Klang immer gerne philosophisch unterfüttert und wie bei Kraftwerk und Karl Heinz Stockhausen zu einer hochkulturellen Kunstform ausgearbeitet. Aber dann gibt es da noch die alternative Gegenbewegung, die elektronische Subkultur. Und diese wurde vor allem durch die Experimentierfreude der Belgier vorangetrieben. Die Zusammenstellung „The Sound Of Belgium“ zeugt von diesem verrückt-genialen Völkchen, deren Songs heutzutage immer noch Bestand haben.

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Komisch-elektronisch, aber auch genial: "The Sound Of Belgium" ist ein ausschweifender Streifzug durch Belgiens Electro-Szenen (Quelle: La Musique Fait La Force)

Komisch-elektronisch, aber auch genial: „The Sound Of Belgium“ ist ein ausschweifender Streifzug durch Belgiens Electro-Szenen (Quelle: La Musique Fait La Force)

Dabei handelt es sich treffender gesagt um einen Soundtrack. Denn „The Sound Of Belgium“ ist die längst überfällige Dokumentation der künstlerischen Schaffenskraft dieses kleinen Staates. Zwar haben andere den Ruhm geerntet, die Pionierleistung in den Bereichen Electronic Body Music, Rave, Minimal und Cold Wave ist den Belgiern aber nicht abzusprechen.

Dementsprechend ist die Box, bestehend aus vier CDs, chronologisch aufgebaut. Der erste Teil befasst sich mit den 1970er und 1980er Jahren, als beispielsweise The Neon Judgement mit „TV Treated“ einen unterkühlt-minimalistischen Electro-Sound entwarfen und Front 242 „Headhunter“, einen Meilenstein der damals entstehenden EBM-Szene, veröffentlichten.

In den 1990ern wuchs die belgische Techno-Szene. Projekte wie Praga Khan oder Phantasia, die mit ihrem „Violet Skies“ eines der interessantesten Spachsamples für kommende Rave-Acts gaben, prägten den neuen, fiebrigen Sound der Clubgänger. Mit dem Ende dieses Jahrhunderts schließt auch „TSOB“ ab. Das trancige „Universal Nation“ von Push hätte vom Titel nicht besser als Abschluss gewählt sein können. Denn Belgium ist die „Universal Nation“ – wenigstens in der synthetischen Klangkunst.

Der Zusammenstellung gelingt es, das Alleinstellungsmerkmal der belgischen Elektro-Szene auszuformen und macht auch nicht vor innerstilistischen Grenzen Halt. Hier treffen Techno-DJs auf Elektro-Bands, verschwurbelte Klangwelten auf straighte Beats, Muskelmucke auf hyperaktiven XTC-Sound. Aber es fügt sich alles wunderbar zusammen.

Denn das Geheimrezept belgischer Musiker liegt darin, bestehende Trends aufzugreifen, sie aber für sich neu zu definieren und in veränderter Form in die Welt zu versenden. So entsteht neuer Input, so bleiben Gegenbewegungen dynamisch. Immer ein bisschen verrückter, immer ein bisschen anders: Das ist das Banner, unter der in Belgien elektronische Musik gemacht wurde – und noch immer wird. Sind wir froh, dass es sie gibt. Denn nur Kraftwerk wäre auch öde.

VÖ: 22.11.2013 (La Musique Fait La Force/Rough Trade)

Auf der offiziellen Filmseite kann man sich ein paar Trailers zur Dokumentation anschauen.

Und hier drei Songs stellvertretend für die vielen Spielformen belgischer Elektromusik.

„TV Treated“ von The Neon Judgement

„Violet Skies“ von Phantasia

Die Belgier können aber auch lustig, wie das Video von Rhythm Device mit „Acid Rock“ beweist (diese Tänzer!!!)

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!