Stephans stramme Saiten

Die große Meinungsfeigheit

Egal ob TV-Formate wie DSDS, The Voice of Germany oder Zirkus Halligalli, Preisverleihungen (Deutscher Fernsehpreis, Bambi, Goldene Ananas) oder der medial geschürte Unterhaltungswert von selbsternannten Sensationsmusikern wie Bushido, Kay One oder „Tabaluga“-Maffay: Während im (europäischen) Ausland sowohl das öffentliche als auch das private Polemisieren nie aus der Mode kommt und immer wieder heitere Blüten treibt, scheint den Deutschen die Lust an Verriss und offensiver Ablehnung sowie einer klaren Meinung, die über das Absetzen von Online-Kommentaren und Auslösen virtueller Shitstorms hinausgeht, abhandengekommen zu sein. Ein Plädoyer für die Rehabilitierung von Hohn und Spott und Haltung.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Von wegen ... (puls.med.uni-frankfurt.de)

Von wegen … (puls.med.uni-frankfurt.de)

Ich erinnere mich noch gut eine Ausgabe der BRAVO aus dem Jahr 1977 (oder war es 78?). Da wurde die Leserschaft dazu aufgerufen, einen Anti-BRAVO-„Oskar“ zu küren, also die mieseste Band von allen zu wählen und via BRAVO – ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen – zünftig zu beschimpfen. Es war die Zeit eines Fankriegs zwischen den Anhängern der Bay City Rollers und The Sweet, von daher war klar, wer die ersten beiden Plätze des Hass-Rankings belegen würde. Auf den weiteren Plätzen: Kiss, Sex Pistols, Smokie.

Auch wenn ich schon lange nicht mehr in einer aktuellen BRAVO geblättert habe, vermute ich mal, dass sich auch dort keine Aufforderungen zur offensiven Stellungnahme „ex negativo“ mehr finden lassen. Sicher, etliche Senfproduzenten scheinen nichts Besseres zu tun zu haben, als jeder virtuellen Aufforderung vom Schlage eines „Diskutieren Sie hier …“ mit ihren Erzeugnissen vollzuschmieren, dies jedoch überwiegend unter dem Deckmantel (scheinbarer) Anonymität.

Wenn es dabei verbal jedoch mal zu eindeutig gerät, kommt ein Redaktionspraktikant und streicht die ganze Chose, denn schließlich will niemand riskieren, dass ein Anwalt bemüht oder die Kripo eingeschaltet wird. Anders gesagt: Nie zuvor wurde so viel Massenzensur betrieben, wer’s Maul aufmacht, kriegt fix seinen Facebook-Account gesperrt. Also kommt er dem zuvor und mäßigt sich. Mäßigt sich und stimmt mit ein: In das große „Kann-man-machen“, dem anything goes, insbesondere wenn es um eine persönliche, ehrliche und eindeutige Beurteilung kulturindustrieller (Drecks-) Erzeugnisse geht.

Obwohl anstatt weil
Sinngemäß hat dieses Phänomen der Kleist-Preisträger Max Goldt bereits vor Jahren beschrieben: Es darf nicht mehr gesagt werden, der oder der sei doof, weil er HipHop höre. Es müsse lauten, der oder der sei doof, obwohl er HipHop höre. Meinte Goldt damit auch andeuten zu wollen, dass „Toleranzedikte“ seinen Weg pflastern und er sich en passant für risikofreudige Musikredaktionen im Rundfunk stark machte: Die Trennung von Persönlichkeit und Geschmack scheint vollzogen. Und wer heute noch zugibt, dass ihm Menschen, die (beispielsweise!) HipHop, Schlager, Jazz oder Metal bevorzugen (oder fabrizieren) ausreichend verdächtig erscheinen, auch die übelsten Verbrechen begehen zu können, sieht sich sofort mit dem Makel der Intoleranz belegt. Wer möchte schon so dastehen wie seine Altvorderen, die in den 60er-Jahren noch alles, was rockte oder auf Englisch war, mit den Labeln „Hotte-Hü“- oder „Negermusik“ entschieden ablehnten? Sicher, der Cross-Over von Musik- und Lebensstilen ist ein Segen für die westliche Kultur, die ohne die amüsante Bastardisierung ähnlich verdorren würde wie vielerorts die einst führende Kreativkultur des Islams.

"Doch wies da drin aussieht geht niemand was an..." (evangelisch-in-westfalen.de)

„Doch wies da drin aussieht geht niemand was an…“ (evangelisch-in-westfalen.de)

Aber: Wo bleibt der Spaß am Polarisieren? Was der letzte Dreck ist, muss als solcher auch im alltäglichen Miteinander benennbar bleiben!
Noch einmal: Ich meine nicht die gegenseitige Disserei der Akteure untereinander (HipHop, mal wieder, aber auch anderswo) und ich beklage auch nicht die – vom Aussterben bedrohte – Artenvielfalt. Sondern die Indifferenz, mit der sich ein kulturell Grundversorgter alles gefallen lässt, so lange eine gefühlte Majorität zum Zwecke der Kapitalisierung selbst die debilsten Mittel heiligt:
„DSDS“? „Ach, lass die Kiddies doch, und so schlimm ist der Bohlen doch gar nicht. Modern Talking waren auf ihre Art doch auch ziemlich gut.“
„The Voice of Germany?“ „Hey, da sind ja richtig gute Stimmen dabei, und spannend ist das auch immer wieder. Und erst die tolle Jury!”
“Circus Halligalli?” “Mensch, die sind ja so wie der Raab, nur irgendwie zu zweit, irgendwie erfrischend anders.“
Und so weiter.

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