Porträts brasilianischer Komponist/inn/en VI

Egberto Gismonti

Der 1947 in Carmo im Bundesstaat Rio de Janeiro geborene brasilianische Komponist, Sohn einer Sizilianerin und eines Libanesen erlernte mit fünf Jahren auf Wunsch seiner Eltern das Klavierspiel, spielte bald aber auch Flöte, Klarinette und Gitarre. Besonders lagen ihm die spezifisch brasilianischen Gitarreninstrumente am Herzen: So widmete er sich autodidaktisch dem Erlernen der Violão-Technik, später folgten die Aneignung des Sanfona- und Akkordeonspiels. In seinem stilistisch wie strukturell vielschichtigen Werk werden Neue Musik und Jazz mit brasilianischer Folklore verbunden.

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Der Musiker und Komponist Egbert Gismonti, geb. 1947, gilt wegen seiner außerordentlichen Kreativität und Vielseitigkeit als Nachfolger von Heitor Villa-Lobos (Hernán Roibón)

Die Musik lag der Familie im Blut: Bereits sein Großvater und der Onkel Edgar waren Orchesterleiter. Nach 15 Jahren lang Klavierstudium in Rio de Janeiro und in Nova Friburgo, einer nahegelegenen Kleinstadt, wurde ihm ein Studienstipendium für klassische Musik in Wien gewährt, das er aber nicht annahm, weil er sich der populären Musik zuwandte, eine damals weitreichende Entscheidung, die für die Vielseitigkeit seines Werks später verantwortlich war. Vor seinem Abschied nach Paris, wo er am Conservatoire wie etliche erfolgreiche Tonsetzer bei Nadia Boulanger und Jean Barraque Komposition und Orchestrierung studierte, brachte er O Sonho heraus, ein Lied für ein hundertköpfiges Orchester, das von Os Três Morais interpretiert wurde. Gismonti wurde in dieser Zeit von Anton Webern, vor allem aber von seinem Landsmann Heitor Villa-Lobos beeinflusst.

1971 kehrte Gismonti nach Brasilien zurück und schrieb in der Folgezeit Lieder für die Sängerin Marie Laforet, zwei Jahre zuvor war bereits unter dem noch sehr deutlichen Einfluss der Bossa Nova sein erstes eigenes Album Egberto Gismonti erschienen. Erst auf dem folgenden Album Orfeo novo präsentierte er sich selbst als Instrumentalist und verwendete seitdem eine 8saitige Spezialgitarre. Wegen dieser Besonderheit und dem persönlichen Stil, der vieles verband, war Gismonti auch international sehr erfolgreich: Zusammen mit dem brasilianischen Perkussionisten Nana Vasconcelos spielte er Dança das cabeças ein, das Album wurde 200.000mal verkauft und erhielt 1977 den Deutschen Schallplattenpreis. Auf internationalen Jazzfestivals, etwa in Montreal und Berlin, trat Gismonti unter anderem mit Vasconcelos und eigenen Gruppierungen, außerdem mit Jan Garbarek, Colin Walcott, Ralph Towner oder Charlie Haden auf.

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Das zuletzt erschienene Doppelalbum von Egberto Gismonti (ecm records)

Experimenten gegenüber zeigte sich der Musiker nie abgeneigt: So verschwand er eines Tages im Amazonasgebiet, um mit einem eingeborenen Stamm Kontakte zu knüpfen und sich über nichts anderes als durch gespielte (Flöten-)Musik zu verständigen. Um noch eigenständiger agieren zu können, gründete der Musiker 1978 sein eigenes Label Carmo nach dem Namen seines Herkunftsortes. 1989, 1991 und 1992 steuerte Gismonti die Musik zu drei Filmen bei. Seine klassische Ausbildung setzte sich in der Praxis ebenso weiter fort: So nahm er 2006 mit der kubanischen Formation Camerata Romeu die Suite Sertoes Veredas auf und spielte im selben Jahr gemeinsam mit seinem Sohn Alexandra Duos Saudações ein. Zuletzt ist von ihm die Doppel-CD Magico und Carta de Amor, auf der Jan Garbarek und Charlie Haden mitwirken, erschienen (B008M1GBIY, 2012).

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.