Notizen zu einer ambivalenten Musikgattung

Das Oratorium – zwischen Kirchenraum, Konzertsaal und Opernbühne

Nicht nur in Sachen Oper, auch was das Oratorium betrifft, hinkten die deutschsprachigen Gebiete Italien mit den bedeutenden Leistungen Stradellas, Caldaras und anderer hinterher: Die ersten ernsthaften Gehversuche in der aus südlichen Gefilden stammenden Gattung machten Komponisten jenseits der Alpen nach 1700 mit mehr als 60 Jahren Verspätung, und zwar in der protestantischen Kirchenmusik: Hier waren sie allerdings durch Passion und biblische Historia beeinflusst. Einer der ersten war der Textdichter Christian Friedrich Hunold, dessen „Oratorio“ von 1704 Reinhard Keiser in Hamburg vertonte. Weiter sind in der Phase bis in die 1720er Jahre hinein Händel und Telemann als Beiträger dieser für die deutsche Sprache neuen Gattung zu nennen.

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Autograph des Eingangschor von J.S. Bachs Weihnachtsoratorium (BWV 248, )

Autograph des Eingangschor von J.S. Bachs Weihnachtsoratorium (BWV 248, Virgin Veritas 90781)

Biblische Themen standen lange Zeit eindeutig im Vordergrund, da die Aufführungen ja vorerst für den kirchlichen Raum reserviert blieben. Erst im 19. Jahrhundert wagten es manche Komponisten zum Beispiel im mitteldeutschen Raum, profanische historische Stoffe zu wählen, wenn nicht gar märchenhafte. So schrieb der Balladenkönig Carl Loewe 1837 ein Oratorium über den Buchdruckerfinder Gutenberg, Robert Schumann 1843 komponierte sicher ausschließlich für den weltlichen Konzertsaal Das Paradies und die Peri. Während dieser Jahre erinnerte sich freilich Felix Mendelssohn-Bartholdy mit dem in Birmingham uraufgeführten Elias (1846) auch seines jüdischen Ursprungs. In Frankreich blieb man dagegen traditionell beim kirchengemässen Stoff: Berlioz und Saint-Saens schätzten insbesondere die Weihnachtsgeschichte als Vorwurf für ein Oratorium, da die Passion hier weniger im Repertoire verankert war als im protestantisch geprägten Norddeutschland. Man wich im Land Napoleons zunächst auch nicht von der lateinischen Textierung ab.

Ein Sonderfall war England angesichts der Leistungen Händels auf dem Gebiet des Oratorium, da seine Stoffwahl fast ausschließlich, also von The Messiah abgesehen, dem Alten Testament galt, möglicherweise weil dessen Erzählungen eher der dramatischen Struktur einer Oper entsprach, von denen er ja nicht wenige für London beisteuerte. Es ist aber auch denkbar, dass ihn hier die spezifisch britische Tradition des Anthems beeinflusste. Ein Sprung ins 20. Jahrhundert macht deutlich, wie konservativ die Oratorienkomposition hier dem geistlichen Ursprung in Italien verpflichtet blieb, was natürlich auch den zwei Weltkriegen geschuldet war, die passionsähnliches Leid über viele Menschen gebracht hatten. Daran erinnert nicht nur Tippetts A Child of our Time (1939-41), sondern ebenso Pendereckis Dies irae (1967) oder Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau (1947).

Zu widersprechen ist übrigens einer bei Musikologen weit verbreiteten Ansicht, das Oratorium sei grundsätzlich nicht-szenisch angelegt. Gerade im Fall der katholischen Länder, insbesondere Italiens und Frankreichs, ist von figurativen Inszenierungen auszugehen, auch wenn dies im heutigen Konzertbetrieb ein Tabu zu sein scheint. Dafür sprechen auch Arienduette, die auf schauspielerische Umsetzung abzielen können. Andrerseits ist es ja gerade ein Kennzeichen unserer Zeit, dass das Oratorium oft wieder in den Kirchenraum zurückfindet und manchmal sogar gegen die Definition in den liturgischen Rahmen des Gottesdienstes eingefügt wird …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.