Meisterwerke der polnischen Musik I

Halka

In einer für den polnischen Staat sehr schwierigen Situation – nämlich der Aufteilung des Landes durch Preußen, Russland und Österreich seit 1795 – waren es Literaten und Künstler, die eine kulturelle Identität aufrecht erhielten. Zu ihnen gehörte Wojciech Boguslawski, der die Schaffung einer polnischen Nationaloper vorantrieb. Dafür standen seine Libretti zu Maciej Kamienskis Glück im Unglück (1778), Stefanis Das vermeintliche Wunder oder Die Krakauer und die Goralen (1794), außerdem zu mehreren Bühnenwerken Jozef Elsners, der später unter anderem Chopin unterrichtete.

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Moniuszkos Geburtshaus in Ubiel nahe Minsk (Napoleon Orda)

Moniuszkos Geburtshaus in Ubiel nahe Minsk (Napoleon Orda)

Erst der im Gouvernement Minsk geborene Komponist Stanislaw Moniuszko (1819 – 1872), der auch von litauischer und weißrussischer Folklore beeinflusst war, prägte mit den beiden Gattungen Oper und Lied den spezifisch polnisch-nationalromantischen Stil. Die triumphale Uraufführung der zweiten Fassung seiner Oper Halka in Wilna 1848 erfuhr ihre Fortsetzung in der Warschauer Version von 1858.

 

Nach seinem Umzug nach Warschau hatte Moniuszko die revolutionären Schriften von Wlodzimierz Wolski kennenglernt und bat diesen um ein Libretto für ein geplantes Bühnenwerk zu verfassen. Da der Warschauer Regierung die Adelskritik in der so entstandenen Oper Halka missfiel, konnte sie dort vorerst nicht aufgeführt werden, in Wilna eröffnete sich jedoch eine Möglichkeit. Das Konzept des zuerst zwei- und schließlich  viersätzigen Werks ging nicht zuletzt wegen der Mischung aus ländlicher Folklore und aristokratisch empfundener Kunstmusik, verschmolzen im emotional bewegenden Duett der Protagonisten Halka und Janusz, auf:

Beide Sphären repräsentieren die dominierenden gesellschaftlichen Schichten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Landwirte und den (niederen) Szlachta-Adel. Dass der Stoff der polnischen Nationaloper die politischen Ereignisse nicht nur widerspiegelte, sondern geradezu ersetzte, hängt mit dem sozialkritischen, gegenwartsbezogenen Thema auch hier zusammen: Die leibeigene Bauerntochter Halka erwartet ein Kind von ihrem Adligen Geliebten, der jedoch zur Verlobung mit einer standesgemäßen „Partie“, nämlich der Tochter des Schlössern, bestimmt wird. In ihrer Verzweiflung will die Zurückgewiesene die Trauungskirche für das Paar in Brand setzen,  stürzt sich aber von einem Felsen in den Tod. Revolutionär für die Geschichte der Oper als solcher ist, dass zum ersten Mal eine Hauptfigur aus der Unterschicht in den Mittelpunkt gerückt wird.

Für die nationalromantische Wertung der Oper zur Zeit der Uraufführung und ihren langen Erfolg bis heute spricht neben der Verwendung von Motiven aus Volksliedern natürlich auch der Einsatz populärer Tänze wie Polonaise oder Mazurka sowie Nachahmungen der Goralen-Tänze. Wer die Oper nicht nur in Ausschnitten auf YouTube erleben will, sollte sich an die ganz aktuelle CD-Einspielung (B002KDVD74) mit dem Breslauer Opernchor und -orchester unter Ewa Michnik halten.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.