Rossini-Premiere am 21. Dezember im Theater Erfurt

La Cenerentola – mit Pepp, Präzision und Pointen

Insbesondere das Opernorchester Erfurt war für das Premierenpublikum an diesem Samstagabend ein wahres Festgeschenk – nicht zuletzt dank Samuel Bächli am Dirigentenpult: Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks wurde hier gespielt, dennoch leichtfüßig schon in der Ouvertüre, und dem Genre der komischen Märchenoper wird alles abgewonnen, was Gioachino Rossini (dem Koch und Feinschmecker unter den Komponisten) auf der Zunge zergangen sein würde: Melodramatisch an keiner Stelle, ohne euphorische Eile und mit federnder Leichtigkeit bei den Violinen wurden gerade diejenigen Arienpassagen subtil  herausgearbeitet, in denen sich Rossini von vielen Zeitgenossen Beethovens abhebt: die mit Ironie und Witz gewürzten Anklänge an Folkloristisches und ländliche Tänze.

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Katja Bildt (Tisbe), Tamara Gura(Angelina), Julia Neumann (Clorinda) (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Katja Bildt (Tisbe), Tamara Gura(Angelina), Julia Neumann (Clorinda) (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Das Aschenputtel als Prinzessin ist ja gerade in der Weihnachtszeit ein gern gesehener Stoff, da Märchenopern vor dem Jahreswechsel in den Programmen der Opernhäuser fest verankert sind. Dementsprechend hatte Giovanna Fiorentini die Kostüme sehr sorgfältig ausgewählt und manche der Figuren, wie das unselige Terzett bestehend aus Baron Don Magnifico und den beiden eifersüchtigen Schwestern Clorinda und Tisbe, erschienen als Karikaturen ihrer Rollenidee drapiert: mit viel Lila, Violett, Schminke und Pomp. Vater Don Magnifico, der seine Bravourarie zu Beginn des dritten Akts sang, erinnerte sehr deutlich an eine Figur des Kinostreifens Alice in Wonderland oder an den „Pinguinmann“ aus Batman.

Variable und vielseitige Bühnengestaltung

Gleichermaßen überzeugten die mit Liebe für Originelles und fürs Detail entworfenen Bühnenbilder, wenn auch die historische gestaffelte Illusionsbühne am Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Akts auf das Rokokotheater zurückgeht. Linne Hockneys Inszenierung sah auch zahlreiche Illuminationsvarianten vor: Der Banketttisch erstrahlte in einem ebenso festlich wie dämonisch wirkenden Blauton, beim Gewitter wurde an dreidimensionalen Effekten einschließlich Hagel, Regen und Blitz nicht gespart (Wellblech- und Beckenschläger hatte man aus dem Orchestergraben auf die Bühne geholt). Bis aufs i-Tüpfelchen an die Zeit der römischen Uraufführung von La Cenerentola 1817 angepasst war der Männerchor – die Kavaliere des Prinzen – eingekleidet; auch die Koteletten und Perücken perfekt nach Porträtstichs des frühen 19. Jahrhunderts auffrisiert … Benoit Dugardyn als Gestalter der Bühne und Arne Langer als Dramaturg verdankte das volle Premierenhaus eine von Anfang bis Ende planvolle Dreiteilung der Bühne nach Auftritten, Aktionen und Requisiten.

Uwe Stickert (Don Ramiro), Tamara Gura (Angelina) (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Uwe Stickert (Don Ramiro), Tamara Gura (Angelina) (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Gesangliche Höhepunkte

Rossinis Librettist Jacopo Ferretti hatte in seine spezifische Buffo-Version des Märchens das Rollenwechselspiel von Prinz und Diener eingebaut, ebenso wie die en passant fein ironisch geäußerte Aufklärungskritik, der Verstand sei ein unbewohntes Haus und das Bonmot, jedermann könne einfach täglich seine Rolle wie ein Kleid wechseln. Der philosophisch orientierte Spiritus rector der gesamten Handlung,  Prinz Dandinis Erzieher Alidoro, kann  mit seinem voluminösen und ausdrucksvariablen Charakterbass sicher als das gesangliche Highlight des Abends bezeichnet werden.

Wirkte Tamara Guras Aschenputtel-Mezzosopran anfänglich etwas schmal, so entfaltete sie doch ihren Gesang bis zur Koloratur-Schlussarie zu bravouröser Kunst. Ähnliches kann von Uwe Stickert in der Rolle des Don Ramiro, der Angelina schliesslich heiratet, gesagt werden: Sein Tenor brillierte gerade in den Arien des zweiten Akts. Guras wiederholte Interpretation des Lieds vom suchenden König im zweiten Akt verdeutlichte ihre besondere Fertigkeit auch als lyrischer Sopran. Das allseits bekannte Schlussseptett Signor … Altezza e in tavola des ersten Akts bleibt sicher vielen Besuchern nicht nur wegen der rhythmisch schwingenden Festtafel, sondern auch wegen der feinen und unpompösen vokalen wie instrumentalen Umsetzung in guter Erinnerung.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.