Talvihorros‘ neues Album

Lebendig gefressen

Vom Fressen und Verdauen, aktiv und – wie im Falle des ab dem 31. Januar erhältlichen 5. Album von Ben Chatwin – zweideutig passiv. Eaten Alive (Denovali) ist das ungemein facettenreiche und ungehemmt mitteilsame Dokument einer Lebensbeichte unter Freunden. Talvihorros / Ben Chatwin katalysiert die leidvollen Erfahrungen seines Freundes Daniel Crossley, dem Gründer von Fluid Radio, zu einer mittelbar nachvollziehbaren Passion im alltäglichen Irren und Wirren: Missbrauch, Verlust, Isolation, Sucht und – unüberhörbar – der Wille zur (Selbst-) Überwindung. Im Ergebnis: „musique concrete“ im Modus von an Erfahrung geschulter Emotionalität.

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Ecce Homo: Eaten Alive (Denovali)

Ecce Homo: Eaten Alive (Denovali)

„Wir haben ein Wochenende damit verbracht, Orte aufzusuchen an denen Dan aufgewachsen ist, Orte die sich aus verschiedenen Gründen in sein Gedächtnis eingebrannt haben. Er erzählte mir erschütternde (…) Geschichten, die sich zuspitzten, als er von seinem Kampf gegen die Drogensucht berichtete. Ich denke, Dan war unglaublich mutig, einen Ausweg zu finden (…), wegzuziehen und das Leben zu führen, das er heute lebt“, fasst Mastermind Ben Chatwin die inhaltliche Genese seines Albums zusammen. Dabei ist es völlig unerheblich, wo die gemeinsam besuchten Gegenden zu verorten sind. Das „Ecce homo“ kennt weder Straßennamen noch regional definierte Referenzkader.

Ben Chatwin gelingt mit Eaten Alive eine Überwindung des Selbstzwecks, indem er die musikalische Annäherung zum profanen Leben und Überleben einer exemplarischen Biografie mutig in Sounds überträgt, die trotz der überreich vorhandenen Details auf Effekthascherei komplett verzichten. Besonders reizvoll erweist sich der durchgängig evozierte Zustand der Schwebe: in jedem Ton, jeder Soundnuance schwebt Ambivalenz mit. Nichts ist so schlecht, als dass nicht auch etwas Gutes daran sein könnte. Dieser Vorbehalt gegenüber Eindeutigkeit und Urteil hieft das Album auf der nach oben offenen Qualitätsskala um eine weitere Note in die Höhe.

In einer Zeit, in der alles „spannend“ zu sein vorgibt, staucht Ben Chatwin seine Spannungsbögen in engmaschige Sinus- und Kosinusfunktionen. Atmosphärische Suspense entlädt sich mit jedem angedeuteten Thema, mit jeder Zutat, die ihrer eigenen Existenz nicht so recht vertrauen will. Vergleichbar etwa mit den (deutlich melodiöser veranlagten) Arbeiten von Mathieu Artu (RQTN) scheint Ben Chatwin mit „Eaten Alive“ seine eigene Sprache nicht nur gefunden, sondern auch durchdekliniert zu haben, unter Wahrung eines komplexen (non-) verbalen Systems. Ein Album mit der Halbwertzeit von primordialen Nukliden.

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