Stadtplaner und Musikästhetiker forschen gemeinsam

Kennen Sie das akustische Design Ihrer Stadt?

Akustisches Design ist schon seit längerem eine Teilaufgabe bei der Erstellung von Werbefilmen, zum Beispiel das typische Rascheln der Chipstüte, ein Geräusch, das Frische signalisieren soll, in größtmöglicher Prägnanz aufzunehmen, Knackgeräusche beim Essen zu betonen oder ein möglichst kräftiges Brummen des Staubsaugers – was natürlich seine Leistung unter Beweis stellen soll.

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Akustikdesigner bemühen sich heute auch darum, die typischen Geräusche eines Platzes zu erhalten. Trafalgar Square ()

Akustikdesigner bemühen sich heute auch darum, die typischen Geräusche eines Platzes zu erhalten. Trafalgar Square mit St.- Martin-in-the-Fields (Diliff)

Es sollte aber nicht vergessen werden, dass auch die Darmstädter und andere avantgardistisch orientierte Musiker mit Geräuschen experimentierten, die beim Zuhörer Erinnerungen und Assoziationen wachrufen konnten, so etwa Karlheinz Stockhausen in seiner Musik für ein Haus: Durch das „abgehörte“ Haus wurden Besucher geschleust, wobei das Nähern von Schritten und Durchgänge dem „inneren Auge“  über das Gehör vermitteln konnten, welche Form oder Größe die Räume jeweils haben konnten. Heute machen sich Innenarchitekten Gedanken darüber, wie ein modernes Büro akustisch angelegt sein sollte, um Konzentration zu ermöglichen, auch wenn kommuniziert wird. Ähnliche Gedanken stehen dahinter, wenn Städteplaner Autostraßen an alten Zentren vorbeilegen, damit der besondere akustische Eindruck von Plätzen erhalten bleibt und Touristen (wieder)kommen.

Interessant wäre nun die Frage, ob auch ein Nichtblinder ebenso gut in der Lage ist, sich an eine Stadt zu erinnern, in der er einmal war, allein aufgrund der Geräusche um einen zentralen Platz. Gut, London wäre am Läuten im Big Ben leichter zu erkennen, Paris an aufblitzenden Chansonfetzen, Rom an den Brunnen und Berlin an den Händlerrufen auf den Wochenmärkten. Klar ist jedenfalls, dass sich durch die akustische Wahrnehmung Denkbilder von Orten eingeprägt haben, die uns – wiederholt – sofort vertraut vorkommen und die wir nicht selten auch richtig zuordnen können, manchmal sicher auch, wenn keine gesprochene Sprache zu verstehen ist. Es gibt ja auch nonverbale Zeichen wie das Läuten der Glocke, das Zuschlagen einer Autotür, das Anfahren der Straßenbahn, das Entzünden der Zigarette und anderes, das gleichzeitig in einem (größeren) Raum oder auf einem Platz stattfinden kann, wobei der Nachhall stärker oder schwächer sein kann …

Musik gehört natürlich auch zum akustischen Design und kann andere Geräusche fast völlig ersetzen, wenn sie sich der Handlungsregie im Film etwa oder bei der Kaufhausbeschallung unterwirft. Manipulationen lassen sich  leicht identifizieren, zum Beispiel, wenn im Kino das Tuten einer Dampflok deren Durchfahrt verrät, auch wenn sie nicht ins Blickfeld rückt. Solche Assoziationsauslöser sind meist konkret, doch bietet die Vertonung eines Films natürlich mehr Möglichkeiten, indem etwa Geräusche aus einer erinnerten Szene eines anderen Films an einer bestimmten Stelle reproduziert werden und das „Aha-Erlebnis“ hervorrufen. Sagt etwa eine Figur im Plot, sie wolle wegziehen und es ertönt Morricones Melodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“, weiß heute jeder, dass es in den Wilden Westen gehen soll …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.